Einem euphorischen Artikel in der Zeit durften wir letztens entnehmen, dass Joachim Gauck ein paar musikalische Enkel hat, und zwar in Gestalt der Band Kraftklub aus Chemnitz:

Eine Geschichte, die vom neuen Einfluss der jungen Ostdeutschen erzählt, muss tief im Westen beginnen, in Osnabrück, wo die Band Kraftklub an einem Abend im Februar auf der Bühne steht. Jubel. Das Konzerthaus heißt Kleine Freiheit. Was gut passt zu der Musik, die von einer Befreiung erzählt, vom Sichaufbäumen der Provinz. Vom Widerstand jener, die lange für Verlierer gehalten wurden, in Wahrheit aber Helden sind.

Worte wie „Freiheit“ und „Widerstand“ und „Helden“ allen Ernstes im Kontext „Ostband erobert Wessiherzen“ zu verwenden, und das noch unter direktem Bezug auf den ehemaligen Stasi-Beauftragten Gauck, zeugt schon von arger Instinktlosigkeit. Tatsächlich kann man sich schnell davon überzeugen, dass Kraftklub unkontroversen Abiturientenpop verbreitet, wie man ihn seit Mitte der 90er Jahre häufiger zu hören bekommt. Ihre Songs könnten auch von den Sport Freunden Stiller, Tomte, die Sterne oder all den anderen verkopften Gymnasiastenbands sein, die mit ihrem hippen Gegreine die brave Mittelschichtjugend zum Schunkeln bringen. Alleinstellungmerkmal der Chemnitzer ist die obsessive Beschäftigung mit ihrer sächsischen Identität. Ihre Lieder drehen sich darum, dass Provinz auch hip sein kann. Das klingt nicht nur völlig öde, es ist auch todlangweilig.

Zu Kraftklubs Ehrenrettung muss man anmerken, dass sie mit dem Nicht-Thema „Provinz gegen Berlin“ tatsächlich eine Debatte in den Popspalten des Feuilletons ausgelöst haben. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht muss man ihnen also attestieren, eine reelle Nachfrage zu bedienen. Dieses Thema scheint berufsjugendliche Nerds zwischen Hamburg und München tatsächlich umzutreiben.

Das alles erklärt aber nicht, warum die singenden Sachsen von der ZEIT als “vielleicht die erste” Band aus dem Osten gefeiert werden, die bundesweit Erfolg hat, und nicht nur das:

Man ist geneigt, das für eine Zeitenwende zu halten in jenen Wochen, da auch zum ersten Mal ein Mann Bundespräsident werden soll, der aus dem Osten kommt

Das ist schon eine ganz Menge Pathos für eine Popband. Rebellen sind die Kraftkluber übrigens auch, denn sie nennen Chemnitz konsequent Karl-Marx-Stadt, und das ist “eine schöne Provokation”.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage, welcher Praktikant diesen Artikel verbrochen hat. Eine Band aus dem Osten die nicht nur deutschlandweit, sondern auf der ganzen Welt Erfolg hat. Eine Band die wegen ihrer provokanten Aktionen immer wieder Diskussionen sorgte und sogar das Einschreiten der Staatsgewalt auslöste – war da nicht mal was?

Man muss Rammstein nicht mögen. Schon der Bandname ist geschmacklos. Till Lindemann rollt das R auf verdächtige Art und lässt Menschen auf der ganzen Welt „Hei, hei, hei“ skandieren. Die Texte drehen sich um Gewalt und Sex. In Interviews verklären die Bandmitglieder die DDR und sprechen sich für deutschen Patriotismus aus. Die USA hasst man dagegen mit Inbrunst. Und falls an der politischen Haltung von Rammstein noch Zweifel bestehen sollten: Die Band ist dezidiert links.

Trotzdem muss man ihnen eines lassen: Bei diesen sechs Ostjungs knallt es wenigstens richtig – und das nicht nur wegen ihrer Vorliebe für Pyrotechnik. Rammstein sind Meister des Niveau-Limbos, doch in den besten Momenten grenzen ihre Aktionen an moderne Kunst, in den schlechtesten sind sie immerhin noch witzig. Ganz nebenbei haben sie im Ausland mehr Werbung für das Erlernen der deutschen Sprache gemacht, als sämtliche Goetheinstitute zusammen –  und das ganz ohne Steuergelder.

Selbstredend waren die Schmuddelkinder aus dem Osten den Popbeauftragen der deutschen Qualitätsmedien immer suspekt. Über Rammstein zu schimpfen gilt in diesen Kreisen bis heute als veritabler Beitrag zum „Kampf gegen Rechts“, dabei ist die Band schlicht ungeniert linksreaktionär und ihren salonsozialistischen Kritikern auf diese Art ein hässliches Spiegelbild. Denn so ist das nun mal mit der Provokation – sie muss provozieren. Und das ist erst gelungen, wenn Menschen sich unwohl fühlen. Das weichgespülte Oberstufengeklimper von Kraftklub ist von einer kontroversen Haltung so weit entfernt wie Chemnitz von New York. Aber darum geht es ja auch gar nicht: Die rot-grünen Wessi-Eliten freuen sich einfach über ein paar gelungene Klone aus Sachsen und feiern ihre Hegemonie in der Jugendkultur.

Gerade deswegen hinkt der Vergleich mit Gauck, denn der ist nun mal ein liberaler Konservativer, und er wird der Meinungselite dieser Republik noch ähnlich schwer im Magen liegen wie Rammstein den Musikkritikern vom Feuilleton. Gauck ist Rammstein, zumindest was das Provokationspotential angeht. Auch für ihn gilt: Man muss ihn nicht mögen, aber er bringt Stimmung in die Bude. Und das ist auch gut so, denn dann wird es auf jeden Fall spannend. In diesem Sinne: BANG! BANG! Feuer frei!