Hauptstadt-Glamour, Fashion-Week und Berlinale-Schick täuschen nicht darüber hinweg. In Charlottenburg und Zehlendorf, im Roten Rathaus und im Abgeordnetenhaus riecht es nach dem Mief der Spießigkeit, die sich im durchsubventionierten West-Berlin unter der Käseglocke während der Mauerzeit gebildet hat. Der frische Wind, der durch die Außerbetriebnahme der Braunkohleöfen im Osten auch durch die Karl-Marx-Allee wehte, weckte auch in der früheren Hauptstadt der DDR nur die Illusion der Weltoffenheit. In Wirklichkeit war man auch hier genauso spießig – nur irgendwie anders. Die Molle kam von Berliner Pilsener und nicht von Schultheiss. Das war es dann aber auch schon.

Die Lokalprominenz von dies- und jenseits des ehemaligen eisernen Vorhangs spielt in der veröffentlichten Meinung der Hauptstadt nur eine untergeordnete Rolle.  Auch die Nach-Mauer-Generation macht im frisch gewählten Abgeordnetenhaus und Senat eine durchschnittliche Figur, während der Regierende Bürgermeister eigentlich wie bisher alles macht, nur am liebsten nicht regieren. Stattdessen reflektiert er das Hauptstadtleben auf dem roten Teppich, das von Gästen und Zugereisten dominiert wird und nicht etwa von der nativen Bevölkerung von “Spree-Athen”. Die Stadt dient nicht als Kulminationspunkt sondern lediglich als Kulisse für urbane Möchtegern-Bohemians auf der Suche nach billigem Wohnraum, den sich diese schein-internationale Klientel in London, Rom oder Paris gar nicht leisten könnte.

Nichts symbolisiert die Zwitterhaftigkeit zwischen Film- und Fernsehkulisse und Schultheiss-Berlin so sehr wie das provinzielle Gehabe der Hauptstadt-Corona um den Fussball-Club Hertha BSC, der seit 20 Jahren kläglich an dem Anspruch scheitert, als Hauptstadtclub in der Champions League mitzuspielen. Hier kann nicht wie bei der Berlinale mit einem West-Import und einem bayerischen Sponsor und ein paar amerikanischen Sternchen, für die der deutschsprachige Markt mit rund 100 Mio. Zuschauern zu wichtig ist, als sich nicht über den roten Teppich zu frieren, über die Spießigkeit hinweggetäuscht werden, die sich in epischer Breite zeigt, wenn der Regierende in’s rote Rathaus zum “Laubenpieperfest” lädt.

Dieses piefige Berlin ist nicht nur bei der Hertha-Hauptversammlung zu besichtigen. Es findet sich in der Schulverwaltung, bei Elternversammlungen und in den Senatsdienststellen aller Couleur, auf den Parteiversammlungen, bei der IHK, den Berliner Verkehrsbetrieben und der Handwerkskammer.

An der Berliner Misere sind nicht nur die armen Araber und Türken in Neukölln und im Wedding schuld. Die meisten leben ganz gut von ihren Handyshops und Gemüseläden. Gut leben tun die Piefkes aus Rix- und Reinickendorf genauso wie die Plattenbauler aus Marzahn, die alltäglich ihrer Arbeit nachgehen. Warum sich die Hauptstadt mit allen Chancen der Welt mehr als zwanzig Jahre nach der Sunde Null immer noch als Notstandsgebiet geriert, kann nicht mal bei der peinlich-kleinlichen Stadtregierung mit wechselnder Couleur abgeladen werden.

Trotzdem erschrickt der Westberliner, wenn er im Osten die aus der gerade haltenden Straßenbahn steigenden emsigen werktätigen Ossis fast über den Haufen fährt und entschuldigend bemerkt: “Strassenbahnen haben wir doch gar nicht in Berlin. ”

Nicht nur hier ist noch lange nicht zusammen gewachsen, was zusammen gehört.