Unsere Journalisten  verstehen die Welt nicht mehr: Da breiten wir großzügig einen milliardenschweren Rettungsschirm über das marode Griechenland, doch statt Dankbarkeit zu zeigen schmeißen griechische Medien mit Nazivergleichen um sich und in Athen verbrennt man deutsche Fahnen.  In den Kommentarspalten kocht unterdessen die Volksseele. Der fleißige deutsche Michel will dem faulen Dimitri am liebsten keinen Cent geben. Und wenn doch, dann müssen sich die Griechen ohne wenn und aber dem Berliner Regiment beugen, und zwar zackig! Das ist schließlich nur zu ihrem Besten, da sind sich Volk und Qualitätsjournalisten weitgehend einig, denn am deutschen Wesen wir der Helene genesen, ob er nun will oder nicht.

Kein Wunder, dass die Menschen in Athen auf die Straße gehen. Aus ihrer Zeit unter bayrischer Herrschaft ist ihnen vermutlich noch das deutsches Sprichwort „Wer zahlt schafft an“ geläufig. Merkozy spricht lieber von „Sonderkonten“ und  „Haushaltskonsolidierung unter strenger Führung und Kontrolle“, doch das meint dasselbe. Der Preis für die Euro-Milliarden ist der Verlust der nationalen Souveränität. Griechenland wird das erste Protektorat der EU werden, regiert von Brüsseler Apparatschiks, die ihre Befehle aus Berlin und Paris erhalten.

Dass ausgerechnet Deutschland an der Spitze der EU-Sparinvasion marschiert ist keineswegs ein makaberer Zufall. Die Griechen erleiden kollektiv das Schicksal der deutschen Hartz-IV-Empfänger:  Die Brüsseler Bürokratie nimmt ihnen mit der Rechten Autonomie und Würde, dafür gibt er ihnen mit der Linken zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Das ist die Quintessenz des Sozialstaats, einer der bekanntesten Erfindungen aus dem Land der Richter und Henker. Bismarck sicherte mit ihm die Herrschaft der preußischen Kaiser über die weniger untertänigen Teile des deutschen Volkes. Bereits 1914 zahlte sich das teure  Unterfangen aus: Selbst  Sozialdemokraten und Arbeiter marschierten klaglos in einen sinnlosen Krieg. Kein Wunder, dass auch die Nazis von dem Opium der sozialen Wohltaten nicht lassen wollten. Sie beglückten die deutschen Volksgenossen mit dem Kindergeld, bauten den Mieter- und Kündigungsschutz aus und verteilten das Vermögen Millionen ermordeter Juden um. Dafür bekam das NS-Regime willige Helfer und gehorsame Soldaten.

Viele ur-deutsche Unseligkeiten sind nach 1945 auf den Müllhaufen der Geschichte gewandert, aber die Liebe zum wohlfahrtsstaatlich verbrämten Kollektivismus war nicht dabei. Heute ist unser „nanny state“  für fast alles zuständig, von der Farbe der Mülltonnen bis zur Fortpflanzung. Pech hat, wer in das hochgelobte „soziale Netz“ fällt. Bedürftige Menschen haben Anspruch auf Wohnung, Kleidung und Nahrung, aber nicht auf Freiheit und Selbstbestimmung. Das Proletariat der Transferökonomie wird  als willenlose Rangiermasse durch die grauen Korridore der Jobcenter, Sozialbehörden und Arbeitsagenturen geschleust, wo man sie nach Lust und Laune verwalten und verplanen kann. Aus Sicht der Sozialingenieure in Politik und Ämtern sind sie somit die perfekten Bürger.

Möglichst umfassende Kontrolle über das Individuum, der Wohlfahrtsstaat deutscher Prägung erreicht dieses unmenschliche Ziel auf scheinbar humane Weise.  Im Zuge der Eurorettung macht er sich nun daran, auch den Bürokraten in Brüssel als Herrschaftsinstrument zu dienen  – Hartz IV für Europa! Es geht vielleicht kein Angriffskrieg mehr von deutschem Boden aus, aber zu feindlichen Übernahmen durch Rettungsschirme schweigt das Grundgesetz.  Dem griechischen Volk droht die Laborrattenexistenz des deutschen Transferleistungsempfängers, der hilflos durch das das Labyrinth der Arbeitsbeschaffungs-, Integrations- , und Bildungsmaßnahmen irrt, die ihm seine Wohltäter angedeihen lassen. Wer sich den gut gemeinten Menschenversuchen der Sozialindustrie verweigert, dem kürzen die Laboranten umgehend die schmalen Hilfen. Ein weiterer Kontrollmechanismus ist der Zorn derjenigen, die das ganze System bezahlen müssen. Im Umverteilungsstaat ist den Leistungsempfängern das Misstrauen der restlichen Bevölkerung sicher. Die deutschen Kommentarschlachten gegen die „faulen Griechen“ geben einen Vorgeschmack auf das Klima zwischen Geber- und Nehmerländern im zukünftigen supranationalen Wohlfahrtstaat von Brüssels Gnaden. Und während der deutsche Sozialhilfeempfänger wenigstens noch sein Wahlrecht hat, sind die eurokratischen Spardiktatoren dem demokratischen Zugriff der von ihnen „erretteten“ Bevölkerungen entzogen.

Die Griechen tun deshalb gut daran, sich mit Händen und Füßen zu wehren, auch wenn die Invasoren diesmal Aktentaschen statt Knobelbechern tragen. Transferleistungen machen unfrei und wo die Bürokratie jedem das Seine zuteilt, da zählt das Individuum nichts mehr.