“Zwei Münchner in Hamburg” hieß eine erfolgreiche ZDF-Vorabendserie in der Uschi Glas und Elmar Wepper schicke BMW-Cabrios durch die Kulissen der Hansestadt bewegten. Genauso anachronistisch erscheinen die Versuche der gelernten Münchner Helmut Dietl und Thomas Gottschalk, ihren Platz in der Berliner Republik zu finden. Das ist mehr als das Ende eines Zeitgeists. Die heimliche Hauptstadt ist nur noch heimlich. Und Dietls Zettl und Gottschalk entpuppen sich als Reflex der guten alten Zeit in der rauhen Wirklichkeit Westsibiriens. 

Helmut Dietls “Münchner Geschichten” und “Monaco Franze” lebten von der Großmannssucht der Provinz und dem Dolce Vita der Nähe zu Italien. “A bisserl was geht immer”. In jener Zeit gab es auch die gleichnamige Fernsehserie, die den Ruf von Hannelore Elsner, Ottfried Fischer und Elmar Wepper begründete. Das war mehr als Lokalkolorit. Und der Grundstein der Münchner Gesellschaft, zu deren Chronist der Klatsch-Kolumnist Michael Graeter  wurde. Er war das Vorbild für den schlitzohrigen Helden Baby Schimmerlos in “Kir Royal”, den der linke Dramatiker Franz-Xaver Kroetz gab. Er handelte leichtfüssig von Überfluss und Überflüssigkeit jener Society, die sich selbst genügte. Ihr wahrer Chronist hieß nicht Schimmerlos sondern Dietl und in jener Zeit war München tatsächlich so etwas wie der Mittelpunkt der Republik. Als Künstler oder als jemand, der sich dafür hielt, war das in den Siebzigern und Achtzigern der Ort “to be”.

Gottschalks Wirken bei “Wetten Dass” ist allseits bekannt. Aber bevor es ihn ins ferne Hollywood zog,  verschlug es den gelernten Lehrer nach München, wo er beim Bayerischen Rundfunk Radio machte, wie Günther Jauch und später Sandra Maischberger, die beim “Live im Alabama” mit Amelie Fried talkte, als sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mangels Konkurrenz durch RTL und Facebook noch um das jüngere Publikum bemühte. Währenddessen folgte Konstantin Wecker der weißen Linie zum “Schumanns” in der Maximilianstrasse und auf dem Rückweg jenes Lebensgefühl mit “Wenn der Sommer nicht mehr weit ist” unnachahmlich besang.

Der Komödienmacher Dietl (“Rossini”) scheitert in Berlin am rauen Klima der uneinigen Stadt, die nichts von der lieblichen Belanglosigkeit des Voralpenlandes hat, wo man noch am Frühstückstisch entscheiden kann, ob man am Nachmittag skifahren möchte und das Mittelmeer nicht weit ist.

Und die virtuelle “Wetten Dass” Couch wirkt in jenem Studio in Berlin-Mitte wie aus der Zeit gefallen. Und Gottschalks krampfhaftes Bemühung um die Zerstreuung des Publikums zwischen zwei Werbeblöcken wirkt nur noch zerstreut, wenn er die Premiere von “Bully Herbigs” “Schuh des Manitu nach 1982 in seine große Zeit verlegt.  Was in Großraum-Mehrzweckhallen in Offenburg und Zwickau noch den Charme weltoffener Internationalität verbreitete, wirkt in der Friedrichstrasse nur noch bemüht, überflüssig, belanglos und aus der Zeit gefallen. Hier laufen die “Stars” alltäglich im Sony Center über den roten Teppich und jeder RBB-Abendschau-Reporter stellt interessantere Fragen als der eben nicht in Ehren ergraute Gottschalk. Und während die Stars in Saarbrücken oder Kiel mit dem eigens gecharterten Lear-Jet Reiß aus nehmen, leisten sie sich im Berliner Adlon und im Berghain gerne eine durchzechte Nacht – ganz ohne einen Mann, der sich mit sechzig noch als berufsjugendlicher “Thommy” gibt.

Dass Dietl mit Stuckrad-Barre einen Co-Autor fand, der sich mit einer unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei ZDF-Neo sendenden Late-Nigh-Show und letzten Besuchen bei sterbenden Dichtern wie Robert Gernhardt und Walter Kempowski über Wasser hält, mag mit dazu geführt haben, dass man ihn ein ambitioniertes Society-Stück über das “neue Berlin” zutraute. Das Rezept funktionierte trotz der bezaubernden Senta Berger und einem schein senilen Götz George nicht mehr. Szenen, wie die mit dem rheinischen Millionär (Mario Adorf: “Ich scheiß Dich zu mit meinem Jeld”) sind in der Berliner Republik allenfalls in der russischen Repräsentanz des außer Diensten stehenden Botschafters Wladimir Kotonew vorstellbar – mit slawischem Akzent. Doch auch hier liefen Autoren und Schauspieler Gefahr, dass ihre Spöttelei für sie lebensgefährlich werden könnte.

Dass man bei der ARD auf die Idee kam, Gottschalks tägliche Happy Hour überhaupt ins Programm zu nehmen, spricht dagegen Bände. Was bitte trägt der zum öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag und zum kulturellen Anspruch bei?

ARD und ZDF geht es wie Dietl und Gottschalk. Sie haben ihre Funktion des analogen Lagerfeuers verloren und senden immer mehr und immer öfter am Publikum vorbei.