Früher war die Welt ganz einfach. Einmal am Tag erschien die Zeitung und Schlagzeile und Titelgestaltung entschieden über den ökonomischen Erfolg am Kiosk. Bei Spiegel, Focus und Konsorten ist das noch heute so. In der schönen “wide web world” ist das anders. Da zählt nicht nur der Besuch der Website, sondern auch die Anzahl der Klicks, die ein Artikel, eine Bilderstrecke bekommt. Je mehr, desto besser. Das Ergebnis ist fatal, wie man an der “Wulff-Affäre” sehen kann.

Anders als z.B. bei der Waterkant-Affäre des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, als der Spiegel eine seitenlange Breitseite gegen Barschel schoss, servieren Blöd und Konsorten ihre Geschichte scheibchenweise. “Wulff” geht immer und würden nicht ausreichend viele User die Schlagzeile angeklickt haben, sie wäre schnell nach unten gerutscht und sehr schnell von der Homepage verschwunden.

So viel Verständnis man für die betriebswirtschaftliche Sicht der Inhalte haben muss, schließlich ringen fast alle konventionellen Medien um ein “Geschäftsmodell”, das die Kosten des “Online-Auftritts” refinanziert, so sehr muss man die daraus resultierende Uniformität und die Selbstreferentiellität konstatieren.

Zunächst einmal kann man natürlich die Zugriffszahlen dadurch maximieren, dass man z.B. in der Causa Wulff nicht alles gleich verbrät, was man weiß. Man tut gut daran, jeden Tag eine neue Sau durch´s Dorf zu jagen und so die Clicks zu maximieren. Bei Wulff ging das so: Erst war es der Privatkredit, dann die Refinanzierung über die LBBW, schließlich die dunkle Vergangenheit der Gattin und zuguter letzt der Anruf bei Kai Dieckmann, dessen Ehrgeiz dadurch sicher nicht weniger geworden ist.

So hatte man an jedem Tag der sauren Gurken-Zeit ein Thema und auch wir haben uns ja ausführlich mit dem Präsidenten beschäftigt, auch wenn unsere Leser weniger scharf auf die Geschichte waren.

Die Bild-Strategie hätte Wulff nur konterkarieren können, in dem er alle Informationen über alle denkbaren Gerüchte mit einem Schlag veröffentlicht hat. So kann er nächste Woche den privaten TV-Sendern ein Interview geben.

Aber das ist ja eigentlich nicht mein Thema: Ein aktualisierter Artikel beschert neue User und die Tatsache, dass überall nur dieselben Themen zu finden sind,  macht den Boulevard nicht seriöser aber boulevardisiert die bürgerliche Presse, wo das “Vermischte” die Quotenhits feiert und die Hintergrund-Recherche zu einem Spezial-Thema sich nicht auszahlt.

Muss ich bei der FAZ, dem Handelsblatt oder der Welt wirklich lesen, wer gerade in´s Dschungelcamp zieht und was die Ex-Dschungelqueen Désiree Nick dazu meint. Nein. Auch eine Kritik der neuesten “Bachelor”-Ausgabe hat wenig feulletionistischen Wert. B-, C- und D-Promis schaffen es mit Scheidung, Schlägerei oder Buch-Promotion zu oft auf die Seiten der “Qualitätspresse”, nur weil sie technische Reichweite erzielen.

Mittlerweile wird ein Gutteil der Websites automatisiert gefahren. So schaffte es nicht eine mit Sperrfrist versehene dpa-Meldung über den Deutschen Fernsehpreis auf die Nachrichtenseiten. Auch die nachgeschobene Meldung, doch bitte die Sperrfrist zu beachten, weil die Ausstrahlung der aufgezeichneten Sendung erst für den nächsten Tag vorgesehen hatte, wurde von den Redaktionssystemen spätabends automatisch eingepflegt.

Die “Click-Philosophie” steigert also die Uniformität des Medienangebotes. Und sie ist selbstreferentiell. Weil der Redakteur weiß, was “gut läuft”, formuliert er und wählt so aus, dass er sein Tagesziel an normierten Zugriffen erreicht. Nicht ob er das Thema für relevant hält, entscheidet über die Auswahl sondern nur noch die Frage, ob eine hohe Zugriffszahl zu erwarten steht. Wird die Erwartung nicht erfüllt, rutscht das Stück sukzessive nach unten, bis es ganz von der Eingangsseite verschwindet.

Damit orientiert man sich natürlich an Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung des Nutzers. Bei ebay, google und amazon wird sie mit einem Algorythmus  abgebildet: “Dieser Artikel könnte sie auch interessieren”. Aber auch der Journalist orientiert sich am virtuellen Mainstream. Abweichende Meinugen, Auffassungen und Hypothesen werden nicht mehr berücksichtigt. Nicht weil eine machtvolle Verschwörung dafür sorgen würde. Die Klima-Industrie und die Protagonisten des Wohlfahrtsstaats machen sich das Geschäft nur geschickt zu Nutze. Auch weil sie wissen, dass die Erderwärmung für jede Naturkatastrophe herhalten kann und es sich immer gut macht, von einer Verelendung der Mittelschicht zu fabulieren. Nachrechnen kann ihre Angaben kein Redakteur, weil der gar keine Zeit dafür hat und sich gerne mit einer exklusiven Vorab-Meldung begnügt, die seine Zugriffszahlen steigert.

Dabei entsteht ein völlig verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Die Politik, die mittlerweile per I-Pad im Plenarsaal nahtlos die Gemengelage beobachten kann, lässt sich von diesem Echo, das sich selbst erzeugt, leiten und lenken.

Es wäre vermessen, dass Blogs wie unseres dagegen anschreiben könnten und komplexere Erklärungen scheinbar einfacher Phänomene anbieten. Dafür ist Reichweite und Einfluss zu gering. Aber in der Medienlandschaft kann nicht alles bleiben, wie es ist. Wir brauchen mehr Qualität und weniger Quantität.