Die dürren Fakten sind eigentlich schnell erzählt. Eine junge Medizinstudentin wird in einem Göttinger Wohnheim ermordet aufgefunden. Die Polizei vermutet eine Beziehungstat und ermittelt verstärkt im privaten Umfeld des Opfers. Der Verdacht erhärtet sich und der Freund der jungen Frau wird zur Fahndung ausgeschrieben. So ein Mord ist eine schreckliche, aber keine außergewöhnliche Geschichte, die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. Trotzdem ist dieser Mordfall anders, denn das Opfer ist eine Israelin und der mutmaßliche Täter Syrer. Und so wird ein tragisches Ereignis zu einem Lehrstück über deutsche Zustände.

Als die Information durchsickerte, dass ein arabischer Student tatverdächtig sei, führte das in einigen wenigen israelischen und deutschen Medien zu Spekulationen um einen politischen Hintergrund. Das ist nicht weiter verwunderlich. Der eliminatorische Antizionismus forderte weltweit bereits unzählige  Todesopfer. In Deutschland kommt keine jüdische Einrichtung ohne Polizeischutz aus, mit unschöner Regelmäßigkeit werden Synagogen und Friedhöfe geschändet und Menschen, die sich für Israel stark machen, sind Drohungen und Gewalt ausgesetzt. Nicht selten haben die Täter muslimische Wurzeln. Vor diesem Hintergrund lassen die Reaktionen deutscher Israelkritiker auf diese Spekulationen tief blicken. Vor allem eine Göttinger Lokalzeitung und der in Sachen Antizionismus notorische Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz taten sich hier negativ hervor. Bei der Behauptung, der Täter sei Araber gewesen handle es sich um eine von nationalistischen Juden frei erfundene “wilde Geschichte”, verkündete das Göttinger Tageblatt im Brustton der Überzeugung, während Ruprecht Polenz diese vermeintlich sichere Information dazu benutzen wollte um seinem Intimfeind Jörg Fischer-Aharon von haOlam via hämischem Facebook-Post eins auszuwischen. Selbstverständlich darf man die verfrühten Spekulationen einiger übereifriger Journalisten zurecht rücken. Wer jedoch keinerlei Empathie für die sehr begründete Angst vieler Israelis vor terroristischen Gewalttaten erkennen lässt und stattdessen sogar „religiöse und rassistische Propagandazwecke“ herbei fantasiert, wie Matthias Heinzel in besagtem Lokalblatt, der pflegt antizionistische und antisemitische Ressentiments, nicht mehr und nicht weniger.

Allerdings lassen auch islamkritisch und rechtspopulistisch orientierte Kreise bei der Instrumentalisierung des Mordes alle Regeln des Anstands fahren. Voller Vorfreude auf einen propagandistisch wertvollen Terrorakt legte man sich sofort auf einen politischen Hintergrund fest. So nachvollziehbar diese Vermutungen anfänglich waren, so wenig wahrscheinlich sind sie mittlerweile. Doch das kümmert manche Kommentatoren herzlich wenig. Stattdessen wird auf  haOlam nachgelegt und jedem, der ein antisemitisches Motiv in Abrede stellt vorgeworfen, ganz generell die Existenz von Antisemitismus in Deutschland zu leugnen. Recht unverblümt wird zudem gefragt, was Oshrit Hamza überhaupt in Göttingen bei den „ökopazifistischen Bessermenschen“ zu suchen hatte. Nun ist die Universität Göttingen fraglos eine Hochburg linker Ideologie und deswegen leider auch ein Ort, an dem als Israelkritik getarnter Antisemitismus einen Platz hat. Doch Oshrit Hamza studierte aus freien Stücken sieben Semester lang in dieser Stadt, und nichts in der Reaktion ihres Umfeldes deutet auf rassistische Diskriminierung hin. Es waren ihre Freunde, die sich an die Polizei wandten nachdem sei einige Tage nichts mehr von ihr gehört hatten. Die Nachbarn im Wohnheim sind entsetzt über die Bluttat und vor ihrer Tür haben Menschen Blumen niedergelegt. Die Universitätsleitung spricht der Familie ihr Beileid aus und ihr früherer Arbeitgeber schaltet eine Traueranzeige.

Die üblichen Verdächtigen ereifern sich unter dessen über die „Vertuschung“ eines rassistischen Mordes an einer Jüdin durch einen Araber. Andere gingen gleich weiter, und verbreiteten das Opfer wäre geköpft worden, um so einen islamistischen Hintergrund zu suggerieren. Die einschlägigen Kommentarspalten sind mit Hassparolen gegen Muslime und Araber gefüllt – echte Betroffenheit über die Bluttat sucht man dort vergebens.

Besonders widerwärtig ist der Streit um Oshrit Hamzas ethnische und religiöse „Zugehörigkeit“. Rechtspopulistische Seiten weisen unentwegt daraufhin, dass die junge Frau laut halachischem Recht Jüdin war, da ihre Mutter Jüdin sei. Israelkritiker beharren darauf, dass sie Muslimin gewesen sein muss, denn ihr Vater wäre angeblich ein Muslim. Wer Jüdin oder Muslimin ist, das bestimmen eben immer noch die deutschen Herrenmenschen, so viel kann angesichts dieser Diskussion wohl als gesichert gelten. Die Wertigkeit eines Menschen, mindestens aber die Verwertbarkeit seines gewaltsamen Todes, sie ist für einige Kommentatoren offenbar eine Frage von Ethnie und Religion.

Die Beschränktheit beider Seiten tritt durch diese unwürdige Debatte exemplarisch zu Tage. Israelkritiker treten gerne als moralisch überlegene Friedensbringer, die dazu berufen sind einen imperialistischen Apartheidsstaat auf den Pfad der pazifistischen und humanistischenTugend zurückzuführen. Islamkritiker wiederum glauben, sie wären im Auftrag der Aufklärung unterwegs, und müssten rückwärtsgewandte Fundamentalisten an der Zerstörung der westlichen Zivilisation hindern. Tatsächlich sind beide Seiten von einem kleingeistigen Rassismus beseelt, der es ihnen verunmöglicht Oshrit Hamza als Israelin und Araberin, als Frau mit jüdischen und muslimischen Wurzeln wahrzunehmen.

Da Israel eben kein Apartheidsstaat ist kommen inter-ethnische und -religiöse Beziehungen durchaus vor. Wer weiß schon, ob Oshrit Hamza jüdisch, muslimisch oder säkular aufwuchs und wie sie sich selbst sah. Tatsache ist: Wenn israelische Soldatinnen und Soldaten nach bestandener Grundausbildung vereidigt werden, dann können sie wählen, ob sie auf die Thora, den Koran oder die Bibel schwören wollen. Wäre man in Deutschland nicht dauernd damit beschäftigt Israel entweder zu verdammen oder zu vergöttern, man könnte damit anfangen von diesem Land zu lernen.

Oshrit Hamza musste vermutlich sterben, weil ihr Freund eifersüchtig war. Die Banalität des Bösen, sie kann auch unpolitisch sein. Was bleibt ist der sinnlose Tod einer jungen Frau und die Trauer der Menschen, die sie liebten. Und als wäre das nicht entsetzlich genug, auch unzählige hasserfüllte Facebook-Posts und Blogeinträge, in denen mit dieser Tragödie Propaganda betrieben wird – gegen das Land aus dem Oshrit Hamza kam und gegen die Kultur, mit der sie aufwuchs. Über Israel sagt das wenig, über Deutschland umso mehr.