Das ist ungefähr der Duktus, den “Wirtschaftsexperte” Sven Böll bei Spiegel Online an den Tag legt. Natürlich würde dieser Fachmann das niemals so formulieren, solche Flausen wurden ihm auf der Journalistenschule ausgetrieben. Böll versteht es, das alles mehr oder weniger nüchtern zu formulieren. Mit der nötigen Distanz zu den Vorgängen am Boden, dort wo sich die Opfer seiner Forderungen tummeln. Denn Böll will zur Rettung des politischen Projekts Euro nichts geringeres als die schleichende Enteignung der breiten Masse.

Da beim Spiegel Online eine sachliche Berichterstattung nicht wirklich gewünscht wird, werden von einer Schar europhiler Totengräber der Demokratie am laufenden Band “Debattenbeiträge”, “Kommentare” und “Analysen” produziert. Sven Bölls neuestes Machwerk aus dieser Kategorie wirkt zudem so, als habe es der “Ressortleiter Wirtschaft” schon vor einigen Wochen vorproduziert. Hier nur die haarsträubendsten Punkte:

“Die Krise lässt sich nur entschärfen, wenn die Euro-Zone – zusätzlich zu einem wirksamen System der Haushaltskontrolle – sicherstellt, dass alle im Prinzip zahlungsfähigen Staaten auch liquide bleiben. Diese Aufgabe könnte die EZB übernehmen. Sie ist in der Lage, so viel Geld zu drucken, wie es braucht, um die aktuelle Marktdynamik zu stoppen.”

Mit anderen Worten absichtliche  Inflation und damit die gewollte Vernichtung von Ersparnissen, nur um für die  irren Ausgabenorgien der Regierungen im Namen von “sozialer Gerechtigkeit” oder “Nachhaltigkeit” geradezustehen. So ganz ist Böll mit dieser Lösung aber auch nicht zufrieden, aber allein die Tatsache, dass der Herr Redakteur das Unheil, das in den letzten Jahren von billigem Geld angerichtet wurde, zeigt, dass er diesen Zusammenhang scheinbar vergessen, verdrängt oder nie wirklich zur Kenntnis genommen hat.

“Vielversprechender ist die Einführung von gemeinsamen Anleihen aller Staaten der Währungsunion. Die sogenannten Euro-Bonds lassen sich – anders als viele Deutsche meinen – durchaus so gestalten, dass die Haushaltsdisziplin nicht geschwächt, sondern im besten Fall sogar weiter gestärkt wird.

So hat etwa Arnaud Marès vorgeschlagen, dass ein Land jedes Jahr nur so viele neue Euro-Bonds herausgegeben kann, wie es das von Brüssel abgesegnete Konsolidierungsprogramm vorsieht.”

Diese Idee ist einfach nicht nur blauäugig, sondern vor allem gefährlich. Nur zu gerne wird die aktuelle Euro-Krise als eine reine Finanz- und/oder Wirtschaftskrise beschrieben. Sie ist aber viel mehr als nur das. Die Herrschaften in Brüssel nutzen sie seit ihrem Beginn, um den Einfluss der zentralen EU-Organe auf die Nationalstaaten systematisch zu erweitern. Höhepunkte waren die faktische Absetzung von Georgios Papandreou und Silvio Berlusconis. Im letzten Fall zeigt sich die geballte Macht der EU: Berlusconi klebte an seinem Amtssessel wie kaum ein anderer Politiker, weder Prozesse noch die Opposition, Sex-Affären oder demonstrierende Bürger waren in der Lage den Mann loszuwerden – die EU und ihre Helfer machten seinen Rücktritt in einer Woche klar. Das von Böll vorgestellte Modell der Euro-Bonds wäre in der Lage, die nationalen Parlamente endgültig zu Helfershelfern zu degradieren. Lachende Gewinner wären die Vertreter des Brüsseler Establishments, die munter ohne demokratische Kontrolle vom sogenannten EU-Parlament Eingriffe in die Souveränität europäischer Staaten und damit der Wähler durchdrücken könnten. Dafür braucht es dann nur noch eine neue Krise oder eine Verschärfung der bereits bestehenden. Gründe lassen sich in solchen Fällen immer finden, warum es “mehr Europa” braucht.

“Verweigert sich die Bundesregierung weiter der Einführung von Euro-Bonds, riskiert sie, dass die Euro-Zone dem Abgrund immer näher kommt.”

Das mag in der Logik von “mehr Europa” und maximaler Kontrolle aus Brüssel stimmen, aber das geht auf Kosten der Freiheit der Bürger. Das scheint Böll völlig egal zu sein, er fordert einen “Befreiungsschlag”. Kein Wunder, dass diese Kriegsrethorik bei dem Thema Euro so schnell aus dem Hut gezogen wird, schließlich  nutzten die ersten Einiger Europas eine ähnliche Sprache. Nur saßen die nicht in irgendeiner Redaktion oder in einem Brüsseler Büro sondern in der OHL und konnten in ihrer Realitätsferne selbst dann nicht das Ende ihrer Illusionen akzeptieren, als der Kaiser schon in Holland saß.