Der Mann ist ein Blender. Seinen möglichen Erfolg zu beurteilen, ist unmöglich. Nirgendwo war er lange genug im Amt. Mit dem Abfassen einer Dissertation war er entweder intellektuell überfordert oder er hat leichtfertig nicht einmal seinen Ghostwriter richtig kontrolliert. Nun hat er sich ein paar Pfunde angefressen, die Brille abgesetzt und den Gel aus den Haaren geschmiert. Und schon sitzt er in Halifax auf der Bühne und parliert über die Lage Europas. Was er sagt, ist blöderweise nicht einmal falsch.

Guttenbergs Verfehlung war mehr als ein Betriebsunfall. Und seine an den Tag gelegte Ignoranz wohl eher Ausdruck der Tatsache, dass die schnelle Karriere zu ignoranter Selbstüberschätzung führte. Der Mann hielt sich für unentbehrlich. Als Wirtschaftsminister mit kurzer Amtszeit blieb immerhin die Großtat, der Kanzlerin bei der Opel-Rettung medienwirksam in die Kandarre zu fahren. Bei der ordnungspolitischen Orientierungslosigkeit der Kanzlerin (von wegen Kompass) fiel diese minimale Prinzipienfestigkeit öffentlich schwer in´s Gewicht.

Auch als Verteidigungsminister fällt die Bilanz im Nachhinein mager aus. Die große Bundeswehrreform steckte wohl nicht mal in den Kindersschuhen. Der gelernte und erfahrene Verwaltungsjurist de Maiziere ließ als sein Nachfolger erstmal ordentlich nacharbeiten, bis ein schlüssiges Konzept zustande kam.

Guttenbergs Abgang war zu theatralisch, um zu erkennen, ob er seinen wesentlichen Fehler begriffen hatte: Dass er wie ein gewöhnlicher handelsüblicher Politiker geleugnet und getäuscht hat, bis die journalistische Meute, die sich an ihm festgebissen hatte, ihn zur Strecke brachte.

Aber in einem Land, das seine Resozialisierungskultur über den Schutz zukünftiger Opfer stellt, sollte man auch einem gefehlten Politiker eine zweite Chance geben. Zumal das auch schon in der Vergangenheit der Fall war: Der Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß beging einst in der Spiegel-Affäre Verfassungsbruch und wurde später immerhin Wirtschaftsminister, bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat. Otto Graf Lambsdorff mußte wegen eines fragwürdigen Ermittlungsverfahren als Wirtschaftsminister zurücktreten und durfte anschließend die FDP führen und Cem Özdemir hat sich wegen eines Kleinkredits eines anrüchigen Lobbyisten, der auch für den Verteidigungsminister Scharping beim Herrenausstatter einkaufte, in´s europäische Parlament zurückgezogen, bevor als Vorsitzender von Bündnis90/Grüne amtiert. Und selbst Scharping wirkt heute noch als Präsident des Bundes der Radfahrer.

Vor allem sollte man sich nicht nur damit beschäftigt, wer etwas sagt, sondern auch was.

Die Journaille hat Guttenberg ohnehin nicht abgeschrieben. 20 Reporter rückten im kanadischen Halifax an, um ihm an den Lippen zu hängen und am nachrichtenarmen Sonntag morgen die Monitore zu füllen.

Für das was Guttenberg bemerkt, dafür braucht man nicht die vermeintliche Erfahrung des angesehenen Staatsmanns. Europa ist durch seine Technokraten diskreditiert, eine europäische Idee ist nicht mehr zu erkennen. Die Krise wurde durch Politiker verursacht, die sich panisch von Rettungsaktion zu Rettungsaktion zu hangeln. Und – ach ja – Westerwelles Libyien-Manöver goutiert Guttenberg nicht.

Vielleicht kommt es schon darauf an, wer etwas sagt. Aber um das zu erkennen, was Guttenberg gesagt hat, dafür bedarf es des gesunden Menschenverstandes. Eine Lichtgestalt des deutschen Konservativismus braucht es dafür nicht.