Die WELT veröffentlichte heute eine Liste der Amadeu-Antonio-Stiftung, die 182 Todesopfer rechter Gewalttaten seit 1990 auflistet. Diese Aufzählung ist nicht unumstritten, dürfte aber sehr viel näher an der Wahrheit liegen als die Angaben der Bundesregierung, die gerade mal 47 Opfer gezählt haben will. Eine schnelle Auswertung ergibt, dass die Mehrzahl der Opfer deutsch und männlich ist. Meiner Zählung zu Folge hatten 73 einen Migrationshintergrund im weitesten Sinne, 28 der Toten waren Frauen.

Auch wenn die Beschreibungen der Tathergänge zu knapp für eine genauere statistische Auswertung sind, so lassen sich doch Muster bei der Wahl der Opfer identifizieren: Besonders gefährdet sind selbstredend “Ausländer”. Dabei handelt es sich um Menschen, die in irgendeiner Form als “fremd” wahrgenommen werden, vom pakistanischen Doktoranden über den türkischen Geschäftsmann bis zum Russlanddeutschen. Eine zweite Gruppe bilden die “Andersdenkenden”, also Linke, Punker oder couragierten Bürger, die sich den Nazis entgegenstellten und deswegen sterben mussten. Außerdem wurden obdachlose und sozial schwache Menschen besonders häufig Opfer rechter Täter. Ihre “Asozialität” wurde nicht selten explizit als Begründung für die Tat genannt. Es ist erstaunlich, wie selten über diese Opfergruppe gesprochen wird. Es gibt eben keine Lobby für Wohnungslose und da solche Leute selten wählen, sind sie für unsere Volksvertreter auch nicht von Interesse.

Die Todesliste sollte man sich ansehen. Neben bekannten Verbrechen, wie den Anschläge von Mölln und Solingen, enthält sie viele Scheußlichkeiten, die es nie in die überregionale Presse geschafft haben. Obwohl die meisten Morde nur knapp umrissen werden tut sich ein Abgrund an Bösartigkeit und Menschenverachtung auf. Einige Opfer wurden stundenlang gefoltert, ganze Familien hat man ausgelöscht, und manchmal reicht ein “falsches” Wort oder ein Äußerlichkeit, um Gewaltexzesse unvorstellbaren Ausmaßes auszulösen.

Angesichts des mörderischen Treibens der Thüringer Terrorzelle scheint man auf staatlicher Seite endlich etwas geneigter, sich des Problems anzunehmen. Der Schutz fundamentaler Menschenrechte gehört zu den wenigen Aufgaben staatlicher Institutionen, die auch Liberale anerkennen. In den letzten zwanzig Jahren haben Sicherheitsbehörden und Justiz bei Wahrnehmung dieser Kernfunktion kläglich versagt. Aufgrund der penetranten Einmischung unseres Staates in fast jeden Lebensbereich ist dieses Versagen umso schändlicher. Hoffen wir, dass die nächsten zwanzig Jahre in wenigstens dieser Hinsicht besser werden.