Aufgebrachte Ägypter haben heute die israelische Botschaft gestürmt und den Botschafter deFacto aus dem Land gejagt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan möchte mit seinen Kriegsschiffen die rechtmässige Seeblockade des GAZA-Streifen brechen. Frankreich und Großbritannien reden einer palästinensischen Staatsgründung das Wort, obwohl HAMAS und FATAH unter Beweis gestellt haben, dass sie die Spielregeln der Demokratie und des Rechtstaates nicht beherrschen. Die Massenproteste in Israel zeigen, wie schwer das Land an der Last seiner Selbstverteidigung trägt. Grund genug, sich Sorgen zu machen. Ich bin ein großer Fan der arabischen Freiheitsbewegungen, weil ich jedem Volk das Recht auf Selbstbestimmung zubillige. Und auch, weil bisher amerikanische und israelische Flaggen nicht verbrannt wurden. Das ist nun anders.

Die Allianz mit Israel war den türkischen Militärs geschuldet. Beides waren in der Region die einzigen freiheitlichen Rechtsstaaten (auch wenn die Maßstäbe andere sein mögen als bei uns). Der türkische Rechtsstaat wurde weniger von der Politik als vom Militär geschützt, der auch die Staatsferne der Religion garantierte. Doch Erdogan hat das Militär entmachtet, angebliche Putschisten eingesperrt. Der zurückgetretene Generalstab wurde durch einen gefügigen ersetzt. Erst so war der Bruch des Bündnisses mit Israel denkbar.

Erdogan hat zwar bei der letzten Wahl die absolute Mehrheit erreicht, die zur Verfassungsänderung erforderliche 2/3 Mehrheit der Parlamentssitze verfehlt, weil eine andere Partei wieder Erwarten die 10%(!)-Hürde übersprang und in´s Parlament einzog. Nun versucht Erdogan sich das Machtvakuum in der arabischen Welt zu Nutze zu machen. Denn wer sich dort noch an der Macht hält, ist genau damit ausreichend beschäftigt. Und das einzige Land, in dem die Revolution bisher gelang, Tunesien, organisiert sich gerade selbst. In Lybien wird noch gekämpft und in Ägypten ist die Revolution zum Erliegen gekommen.

In all diesen Ländern geht es um die Frage, welchem Gesellschaftsmodell man in Zukunft folgen will. Dass diejenigen, die die Diktatoren stürzten, die eigene Freiheit, Konsum und Selbstbestimmung im Auge hatten, erscheint mir unzweifelhaft. Das hindert aber nicht Leute vom Schlage Erdogans oder der ägyptischen Muslimbrüderschaft, sich dieses Sieges zu bemächtigen und eine Diktatur durch eine andere zu ersetzen. In Ägypten versucht das alte Regime gerade darin, die Macht durch Hinhalten zu sichern und die Marionette Mubarak durch eine andere zu ersetzen.

Für all diese Kräfte bleibt Israel ein vertrauter Buhmann, dem man das Elend des eigenen Volkes verlässlich in die  Schuhe schieben kann. Auch die Palästinenser bleiben ein Geschenk des Himmels, solange sie in vermeintlicher Armut und Unfreiheit leben. Das verstärkt die Wirkung.

Dabei gerät Israels Geschäftsmodell offensichtlich an die Grenzen seines Geschäftsmodells. Die Israelis sind fleißiger als der restliche Nahe Osten, sie sind produktiver und sie erzielen Wachstum und Wertschöpfung. Aber außer ihrem blanken Leben haben sie nichts davon. Der Staat muss nicht nur die Verteidigung finanzieren sondern auch noch die wachsende Zahl der orthodoxen Juden, die vor der Befolgung ihrer religiösen Regen keine Zeit zum Arbeiten haben. Dass die sozialistische Mietgesetzgebung des Landes etwa den Wohnungsbau nicht unbedingt fördert, steht auf einem anderen Blatt und ist hier auch schon beschrieben worden.

Natürlich wird es zu keinem Krieg zwischen Israel und der Türkei kommen. Aber ein bisschen Kanonenbootpolitik kann daheim ja die Stimmungslage heben. Und wenn dabei ein paar Gasfelder im Mittelmeer unter die eigene Fuchtel geraten, kann das ja auch nicht schaden.

Langfristig wird sich auch im Nahen Osten der freiheitliche Rechtsstaat Bahn brechen, wie auch der blutig niedergeschlagene Volksaufstand im Iran gezeigt hat. Die Frage ist nur, wie lange das dauert. Und ob Israel es erlebt. Was dafür spricht: Wenn es das Land nicht gäbe, müssten seine Feinde einen neuen Sündenbock erfinden. Und das ist gar nicht so einfach.