Man möchte meinen, dass es sich um eine klare Sache handelt. Ein SS-Veteran gibt einer israelischen Zeitung ein Interview, in dem er behauptet, die Deutschen wären letztllich ebenso Opfer „der Nazis“ wie die Juden. Dann erfindet er noch die Zahl von sechs Millionen deutschen Kriegsgefangenen, die in sowjetischer Gefangenschaft gestorben seien (es waren vermutlich eine Millionen) und fertig ist die Holocaustrelativierung. Was der Mann, dem das Schicksal der deutschen Landser so am Herzen liegt zu erwähnen vergisst, ist der grausame Vernichtungskrieg der Wehrmacht, der 20 Millionen Bürger der Sowjetunion das Leben kostete. Auch die drei Millionen der knapp sechs Millionen sowjetischen Soldaten, die ihre Gefangenschaft in Deutschland nicht überlebten, sind ihm scheinbar entfallen. Normalerweise ist ein Vorfall von dieser Art einer der wenigen Anlässe, bei denen man sich auf unsere linken Antifaschisten verlassen kann. Altnazis in ihre Schranken weisen, das können sie, denn dabei handelt es sich zwar um eine durchaus ehrenhafte, aber eben auch gänzliche unkontroverse Tätigkeit.

Dummerweise handelt es sich bei dem ewig gestrigen Maulhelden um Günter Grass, die generationenübergreifende Ikone der linken Bessermenschen und Ausdemholocaustgelernthaber, und so blieb es erstaunlich still im deutschen Blätterwald. Die SZ wagte sich gestern noch mit einem kritischen Beitrag vor, jetzt rudert sie mit einer unerträglichen Lobhudelei von Franziska Augstein zurück. Die Welt findet, dass auch ein Grass sich mal verrechnen darf, wenn er den Israelis den zweiten Weltkrieg erklärt. Nur die TAZ ist zu einer Kritik ohne Unterwerfungsgesten in der Lage.

Hätte sich ein seniler Vertriebenenfunktionär derartiges geleistet, die gratismutigen Feuilleton-Partisanen wären in voller Kompaniestärke zum Nie-Wieder-Einsatz ausgerückt. Dabei wäre letzteres weit aus weniger skandalös, denn wie schon meine Oma zu sagen pflegte: You can’t teach old dogs new tricks. Dass notorisch unbelehrbare Revisionisten Unfug in Sachen tausendjähriges Reich verzapfen ist weder überraschend noch beängstigend, sondern gehört zum immer leiser werdenden Grundrauschen des postfaschistischen Deutschland. Solche Ritterkreuzträger von der traurigen Gestalt sind im politischen Diskurs ohnehin weitgehend isoliert und können daher genauso gut ignoriert werden. Mit Günter Grass verhält es sich aber anders. Der Mann ist Literaturnobelpreisträger, ganze Generationen von deutschen Schülern sind mit der Blechtrommel aufgewachsen. Grass ist einer von den Guten, denn er ist links, gegen Ausländerfeindlichkeit und Kapitalismus, und damit per se Antifaschist.

Auch bei Linken gilt: Wie der Herr, so das Gscherr. Weil man so toll aus der Geschichte gelernt hat macht man sich den Duktus eines vorlauten Strebers zu eigen und belehrt alle naslang den Rest der Menschheit über vermeintlich „Rückfallgefahren“, die sich immer nur dort auftun, wo Hitlers linke Musterschüler garantiert nicht sind: In Israel, den USA oder der CSU, bei den Euroskeptikern oder den Islamkritikern, ja sogar bei Atomkraftbefürwortern und Sozialstaatskritikern. Günter Grass mit seinen arroganten Tiraden gegen Israel, gegen die Wiedervereinigung und gegen die Meinungsfreiheit ist die Personifizierung dieses neuen hässlichen Deutschen. Dabei hat die Geschichte der BRD längst gezeigt, wo die braunen Residuen zu finden sind. Es waren Linke, die nach Auschwitz wieder Juden selektierten und die uns vom “Judenknacks” befreien wollten, indem sie Holocaustüberlebende in die Luft sprengen. Dieter Kunzelmann, einer der Hauptakteure des geplanten Bombenanschlags auf die jüdische Gemeinde zu Berlin, arbeitete übrigens lange für Christian Ströbele, der während des zweiten Golfkriegs wusste, dass sich die Israelis Saddams Gasangriffe selbst zuzuschreiben hätten. Eben jener Ströbele ist uns letztens erst wieder als unbescholtener Kämpfer wider den Rechtsruck präsentiert worden, als er in der Debatte mit Sarrazin zu bester Sendezeit den empörten Gutmenschen geben durfte.

Wer Gründe dafür sucht, warum revisionistisches, faschistisches und antisemitisches Gedankengut in Deutschland wieder salonfähig ist, der wird seinen Blick nach links wenden müssen. Schade, dass unsere Qualitätsmedien auf diesem Auge blind sind.