Dass der Spiegel regelmäßig journalistische Kampagnen betreibt, hat zuletzt Mathias Matussek bestätigt, der in einem Interview von konzertierten Maßnahmen der Redaktion an der Brandstwiete gegen den Papst berichtete. Auch in Sachen EU geht der Journaille der Arsch auf Grundeis, weswegen sie immer vehementer für einen europäischen Superstaat und mehr Repression aus Brüssel eintreten. Für den Spiegel und das Manager Magazin greift dessen stellvertretender Chefredakteur Henrik Müller mit seinen “Debattenbeiträge” genannten Ergüssen in das Geschehen ein. In seinem letzten Werk schimmerte ein Zug der Euro-Föderalisten besonders intensiv durch, der ein etwas klareres Bild ihrer Ziele zeichnet.

Deutschland allein sei Schuld an einem möglichen Scheitern der Gemeinschaftswährung posaunt Müller heraus und hält sich nicht lange mit den grundsätzlichen Problemen einer gemeinsamen Währung für in Jahrhunderten völlig unterschiedlich gewachsene Wirtschaftsräume auf. Nein, Schmidt kommt gleich auf drei Ungeheuerlichkeiten zu sprechen, die in einem geordneten Staatswesen eines staatsgläubigen Kommandowirtschafters nicht passieren dürfen:

  • In Griechenland muss die Regierung vor dem Volk geschützt werden.
  • In den Niederlanden und in Finnland treiben rechtspopulistische Parteien die Regierungen vor sich her.
  • Auch in Deutschland hat die Kanzlerin im Bundestag keine sichere Mehrheit hinter sich.

Skandalös, oder? Eine Regierung, die die Proteste ihrer Untertanen ertragen muss, nicht-sozialdemokratische Parteien werden in die Parlamente gewählt und die deutsche Kanzlerin muss sich im Bundestag um solche Nebensächlichkeiten wie Mehrheiten Sorgen machen. Das geht einfach nicht in der Welt des Henrik Müller, diese Instabilität des zusammenbrechenden Status Quo ist für ihn unerträglich.

Müller stellt erschrocken fest:

“Eine solche Zuspitzung der Lage schien noch vor wenigen Jahren undenkbar. […] Vergiftet wie das politische Klima inzwischen ist, scheint das Scheitern der Europäischen Union, der Idee der europäischen Einigung überhaupt – und damit der europäischen Nachkriegsordnung – möglich.”

Damit hat Müller irgendwie Recht, denn vor etwa zwanzig Jahren gab es in weiten Teilen Ost- und Mitteleuropas viele Staaten, die diese Probleme nicht hatten und wo alles noch so lief, wie es sich gehört: Die Bürger hatten Angst vor ihren Regierungen, in den Parlamenten saßen nur handverlesene Vertreter von Blockparteien und sichere Mehrheiten stellten beim planmäßigen Durchregieren kein Hindernis dar.

Das alles klingt irgendwie nach DDR, aber schon im nächsten Absatz wird der ganze absurde Wahnsinn des Weltstaatsdenkers Müller deutlich:

“Die Bundesrepublik war 2009 und 2010 plötzlich in der historischen Position, eine Art europäische Hegemonialmacht zu sein. […] Deutschland hätte als “benevolent hegemon”, als gütige Vormacht, agieren können – agieren müssen. Ähnlich wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg hätte die Bundesrepublik frühzeitig und großzügig Geld bereitstellen müssen – verbunden mit der Schaffung neuer, mächtiger europäischer Institutionen, inklusive eines neuen Verfassungsvertrags. Angela Merkel hätte Europa in eine gemeinsame Zukunft führen müssen – und können.

Deutschland ist in der unmöglichen Situation, viele hundert Milliarden Euro an Risiken eingegangen zu sein und trotzdem am Pranger zu stehen. Wir gelten als “Euro-Nazis”, nicht als gütige Führungsmacht.”

Ja ganz recht, das ist die Denke des Herrn Vizechefredakteurs. Dies sind die feuchten Träume eines Großeuropäers, der sich nichts sehnlicher wünscht, als die EU endlich unter der Knute eines “wohlwollenden Diktators” zu sehen, der sich für das durchgeplante Wohl des Volkes über Gesetze, parlamentarische Traditionen und die Vorstellung von der Souveränität der Wähler hinwegsetzt. Diese Vision offenbart nicht die Ideen eines “Euro-Nazis”, sondern spiegelt die Pläne der “Euro-Hohenzollern” im Falle eines Sieges von vor knapp hundert Jahren wieder. Deutsche Hegemonie über Europa im Gewand einer Wirtschaftsgemeinschaft, die mit mildem Wohlwollen von Berlin aus gelenkt und organisiert wird. Damals hatten die Planer in Berlin schon genaue Vorstellungen festgehalten, wie innerhalb dieses europäischen Zollvereins mit Völkern wie den Holländern zu verfahren sei: Sanfter Druck, wirtschaftliche Dominanz und die Illusion der Selbstständigkeit sollten Hindernisse wie Parlament und den Wunsch nach Unabhängigkeit Schritt für Schritt aus dem Weg räumen.

Die Methoden und Argumente haben sich mittlerweile freilich geändert, wurden an den Jargon der Zeit angepasst und durch Instrumente anderer Zwangssysteme ergänzt – an vorderster Stelle mit glühendem Antikapitalismus. Im Prinzip ist es aber noch immer der imperiale Traum von einer starken Führungsmacht, die den europäischen Kontinent mit kräftiger Hand zu einer Einheit zusammenfügt, die auf diesem Weg von oben durchorganisiert als uneingeschränkte Weltmacht auftreten kann. Offene Gesellschaften, Wähler und Skeptizismus haben in einem solchen System keinen Platz mehr – eine solche Form der europäischen Einigung wird zwangsläufig in einem totalitären System münden. Denn wohlmeinende Diktaturen sind eine Utopie, die so alt wie die Menschheit selbst ist.