Ich hatte eigentlich vor, “politische” Talkshows nicht einmal zu ignorieren. Aber Anne Wills VerDI Propaganda-Show hat mir so auf den Magen geschlagen, dass ich noch einmal diesen Vorsatz ignoriere. Grund ist nicht nur der Auftritt des vermeintlichen Busfahrers Ahmet Özkaratas, der tatsächlich Betriebsratsvorsitzender der “in der City Bus GmbH” ist, die 383 Mitarbeiter zählt. Und ab 200 Mitarbeiter muss mindestens ein Betriebsrat von der Arbeit freigestellt werden.  Statt Schichtdienst Ninetofive. Kaum zu glauben, dass das nicht unser Ahmet ist, der sich in seiner Bad Homburger Wohnung mit Kopftuch tragender Frau und drei Kindern vor dem Flachbildschirm zeigt und auch im familieneigenen Diesel auf der Fahrt zur Arbeit filmen lässt. 

Der Mann ist kein unbekannter. Auf der Seite der Anne Will stichwort- gebenden Gewerkschaft VerDi taucht der Mann als Multijobber auf, der nach seiner vermeintlichen Arbeit als Busfahrer auch noch in der Kindertagesstätte als Putzhilfe  jobbt. Davon ist allerdings bei Will (wo er nur seiner Frau hilft) und in der Frankfurter Rundschau vom 02.05.2011 (“die ungewisse Welt des Ahmet Özkaratas”) nicht die Rede.

Da äußert sich der Betriebsratsvorsitzende zu seinen Einkommensverhältnissen. Er verdient dort “zwischen 16oo und 1700 €”, auch hier ist von einer Freistellung nicht die Rede. Nimmt man den angegebenen Stundenlohn mal acht Stunden und mal 20 Arbeitstage im Monat, so kommt man schon auf 1795 €, satte 200 mehr als angegeben. Hinzu kommt ein Wohngeld von 110,00 €, das die Stadt Bad Homburg zahlt, was sein Einkommen auf 1905,00 € bringt. Für seine drei Kinder erhält der gute Mann obendrein 558 € Kindergeld. Macht zusammen 2483,00 €, die der 5-köpfigen Familie zur Verfügung stehen. Nachdem nun seine Frau den Job als Putzfrau im Kindergarten macht, dürften auch noch 180 € zusammenkommen, womit die Familie bereits bei 2643 € ist, dass sind schlappe 1000 € mehr als die tränenreich in die Kamera gestammelten 1600-1700 €.

Steuern muss unser Ahmed wohl nicht bezahlen. Aber Sozialversicherungsbeiträge. Während der Arbeitnehmeranteil auf seinem Lohnzettel steht, wird der Arbeitgeberanteil verschwiegen, obwohl von Ahmed erwirtschaftet. Zusammen sind das 40% des Gesamteinkommens:  770 €! Die Kosten, die für seine Arbeit entstehen, liegen bei 2565 €, knapp 100 € weniger als Ahmet tatsächlich nach Abzug der Sozialversicherung und zuzüglich von Wohn- und Kindergeld in Höhe von 668 € bekommt. Tatsächlich liegen aber die Kosten, die seine Familie Arbeitgeber und Staat verursachen bei  rund 3230 € (Bruttogehalt+Sozialtransfers).

Freundlicherweise hat Ahmet der Frankfurter Rundschau auch seine Lebenshaltungskosten zugestellt. 754 € werden für die Vierzimmer-Wohnung fällig.  Während er in der Frankfurter Rundschau mehr als 1000 km zur Arbeit fährt, gibt er bei Frau Will 1200 (60 km täglich), für die er immerhin  150 € pro Monat ausgeben will. Die Kfz-Steuer, die seine Liquidität einmal im Jahr mit 308 € belastet, macht im Monat knapp 25 € aus. Die Kfz-Versicherung hat unser Mann vergessen, tatsächlich macht sie –  auf den Monat gerechnet – wahrscheinlich einen vergleichbaren Betrag aus. Auch für Verschleiß und Reparaturen hat er keine Kosten angesetzt, wir setzen mal 100 € im Monat zusätzlich an. Für Wohung und Fahrt zur Arbeit fallen also 1054,66 € an. Für den Rest des Lebens bleiben der Familie mehr als 1500 €, also 100 € weniger als Ahmeds vermeintlicher Nettoverdienst. Würde unser freigestellter Betriebsrat seinen Arbeitsplatz  mit regulären Arbeitszeiten die öffentlichen Verkehrsmitteln für den Weg zur Arbeit nutzen und ein kleineres Auto fahren, so wäre diese Differenz auch noch zu überbrücken. Ahmet erwähnt auch noch Telefon (sagen wir mal 100 € für Festnetz und die obligaten fünf Mobiltelefone) und Versicherungen (Auto haben wir abgehandelt, der Rest macht auch nicht mehr als 100 € im Monat aus.  Dann bleiben für das alltägliche Leben immer noch 1300 € übrig.

Das ist für eine fünfköpfige Familie wirklich nicht viel Geld und erlaubt kein Leben im Luxus. Aber andererseits dürfte es nicht wenige andere Familien geben, die insgesamt mit ca. 2500  € auskommen müssen.

Die Anne Will Redaktion betreibt Propaganda und sie schlampt in unbeschreiblicher Weise. Dass Nobbie Blüm binnen einer Woche in der zweiten Talk Show sein Buch mit seinem “ich war stolz bei Opel” Geseier bewerben durfte, spricht für die Qualität der Presseabteilung des Verlags. Für Frau Will spricht das nicht. Bei Jauch kann alles nur noch besser werden.