Es ist nicht leicht, Korrespondent eines linken Magazins in einem Land zu sein, das von Linken abgrundtief verachtet wird. Da kann vieles schiefgehen in Sachen Oberstübchen und Realität. Die in die Welt gesandten Inquisitoren des Spiegels sind da ein hervorragendes Beispiel, die Herren Pitzke und Schmitz zeigen es in Amerika, Frau Putz in Israel und Carsten Volkery und Marco Evers in Großbritannien. Ihre linken Überzeugungen und die durch und durch deutschzentrierte Sicht der Dinge lassen nur Verachtung für die Länder zu, in denen sie arbeiten. Und auch die Titelgeschichte des Spiegel an diesem Montag speist sich aus diesen Gefühlen, denn anders lässt es sich nicht erklären, warum zu Recht hochbezahlte Journalisten so bereitwillig die eigene Arroganz, Unkenntnis und Bigotterie zur Schau stellen müssen.

Die als eine Mischung aus Spott und Satire getarnte Philippika gegen die britische Monarchie, an der auch der frühere London-Korrespondent Mattusek mitschrieb, enthält inhaltliche Fehler, die vor allem eine politische Unkenntnis bezeugen, die in keinem Proseminar dieser Welt hätte aufrecht erhalten werden können, wenn der Dozent kein Veteran der Sechsachter ist. Politische Begrifflichkeiten sind nicht einfach, aber ein kurzer Blick in die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts offenbart auch für Journalisten noch Überraschungen. Der Reigen der Verdrehungen beginnt gleich in den “Hausmitteilungen”, wo über Evers gesagt wird, er sei gegen die Monarchie, da er “die Staatsform der Republik als eine große historische Errungenschaft” ansieht. Warum? Noch heute schmücken sich Staaten weltweit mit der honorigen Formulierung der Römer, die “res publica”, die öffentliche Sache zu repräsentieren und keinen König zu haben. Um nichts mehr geht es bei dem Begriff der Republik, der Staat ist keine Monarchie. Von den rassistischen Burenrepubliken zu Beginn des letzten Jahrhunderts über die zahlreichen diktatorischen Republiken Südamerikas und des entkolonialisierten Afrikas, den kommunistischen Volksrepubliken bis hin zu der Islamischen Republik Iran. Sie alle verzichten auf einen Monarchen und knechteten alle oder einige ihrer Untertanen oder tun es noch immer. Millionen Menschen flüchteten aus Republiken, um in den Monarchien Schwedens, Spaniens, Norwegens, Dänemarks, der Niederlande, Belgiens oder eben Großbritanniens zu leben. Einige, weil es dort funktionierende Sozialsysteme gibt, viele wegen einem Wert, der keine Republik benötigt: Freiheit.

Als die Briten 1688 den Absolutismus beendeten und ihrem frisch importierten König ein Parlament vor die Nase setzten, gegen das er nicht mehr regieren konnte, existierten auch in Europa schon Republiken. Die Freien Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich waren Republiken. Lübeck, Frankfurt, Bremen, Nürnberg und viele andere große und kleine Städte waren keine Monarchien. Venedig startete seine republikanische Karriere sogar noch viel früher und trotzdem waren die Freiheiten der Bürger dieser Republiken nur begrenzt. Nicht in diesen Staaten entwickelte sich alles das, was heute als Menschenrecht verstanden wird, sondern in einer Monarchie. Denn selbst die amerikanische Revolution war zunächst nicht antimonarchisch, sie wurde es erst, als Georg III. Wilhelm Friedrich von Braunschweig-Lüneburg versuchte, seinen Untertanen in Übersee jenen Absolutismus aufzuzwingen, den er den Bewohnern der britischen Inseln längst nicht mehr hätte auftischen können. Benjamin Franklin erklärte 1766 vor dem Londoner Unterhaus, den Amerikanern stünden “alle Privilegien und Freiheiten eines Engländers zu”. Als der König und seine Regierung gegen diesen Grundsatz verstießen, wurden ihre Soldaten verjagt und die USA betraten die Weltbühne. Die Briten lernten aus diesem Vorgang und ließen darauf nach und nach Selbstverwaltungen in den Kolonien zu, die sich bis heute zu souveränen Staaten entwickelten – zum Teil zu sehr erfolgreichen.

Eine Monarchie kostet Geld und in Evers und Matusseks Text wird die Summe von 38 Millionen Pfund genannt, aber sie ist eigentlich ein Witz. Denn alleine die deutsche Bundesregierung lässt einen 28-mal so großen Betrag in einem Ressort namens Kultur versickern und finanziert so eine Kulturschickeria, die auch dazu in der Lage ist, die Klatschpresse mit Nebensächlichkeiten zu versorgen, aber eben mit deutlich weniger Stil. Die Anziehungskraft eines Könighauses wird kein deutscher Kulturschaffender jemals erreichen. Aus diesem Blickwinkel ist die Monarchie für den Steuerzahler ein wahres Geschenk, wie sonst kann mit so geringem Aufwand ein Maximum von Tourismus erzeugt werden? Und wer keine Lust auf König oder Königin hat, der wird von beiden nur in den seltensten Fällen belästigt.

Die dümmste Aussage in diesem Artikel ist und bleibt jedoch diese:

“Während britische Soldaten in Afghanistan die Demokratie herbeizwingen wollen und den libyschen Diktator Gaddafi wegbombardieren, werden bald tausend [sic] ihrer Kameraden in London Spalier stehen, um das Gegenteil, die Monarchie, zu feiern”

Wieder haben die Autoren einen politischen Begriff nicht verstanden, denn nicht nur der angeblich so hochverehrte Begriff der Republik sagt ihnen nichts, auch im Fall der Demokratie verhält es sich so. Denn wie bereits beschrieben ist die Republik das Gegenteil von Monarchie, aber beide können demokratisch oder auch undemokratisch verfasst sein. Italien unter Mussolini war eine Monarchie ohne Demokratie, Nordkorea ist eine Republik ohne Demokratie, das Vereinigte Königreich ist eine Monarchie, aber eine Demokratie, die USA sind eine demokratisch verfasste Republik. Die Formulierung ist also nicht nur falsch, sondern auch völlig absurd. Eine Kleinigkeit? Sicherlich nicht.

Ob die Hochzeit von Kate und William angemessen ist? Keine Ahnung. Aber die völlig kenntnisfreie Betrachtung der britischen Monarchie im Spiegel zeugt von kontinentaler Arroganz und einer historischen Ignoranz, die Vertreter des Qualitätsjournalismus von niemand anderem akzeptieren würden. Während Wilhelm II. in Deutschland sein “persönliches Regiment” durchsetzte, rechte und linke Putschisten die Republik von Weimar attackierten, Hitler den Unmenschenstaat errichtete und die SED den neuen Menschen schaffte, genossen die Briten Freiheit und Demokratie unter dem Banner der britischen Monarchie. Einer Institution, die sich dadurch legitimiert, dass sie ihre Macht Stück für Stück an Parlamente, Abgeordnete und den Wähler abtrat. Um diesen historisch einmaligen Vorgang zu feiern, kann auch eine Hochzeit herhalten. Und sogar der Spiegel profitiert von dem Trara: Die mit spitzen Fingern und gerümpfter Nase auf das Titelblatt gehiefte Story verleiht auch dem republikanischen Qualitätsmagazin aus Hamburg Auflage und ein ganz bisschen royales Glamour.