Hans Leyendecker hat in der SZ dem verstorbenen Eberhard v. Brauchitsch unter dem Titel: “Der Landschaftsgärtner” etwas nachgerufen.  Der damalige junge Spiegel-Reporter verdankt seinen Ruf als moralische Instanz und investigativer Journalist der “Aufdeckung” der “Flick-Affäre”, in deren Zentrum der seinerzeitige Generalbevollmächtigte des Konzerns, Eberhard von Brauchitsch stand. Dabei bestand die Leistung des Spiegels hauptsächlich darin, dass zeitnah vor den Verhandlungen die Akten der Staatsanwaltschaft in weiten Teilen im Spiegel nachzulesen waren. Dem Prozess haftet bis heute der Geruch einer frühen Rache für die “Wende” 1982/83 an, als die FDP von der SPD zur CDU wechselte und Helmut Kohl Kanzler wurde. Schuld daran war das Wende-Papier des Grafen Lambsdorff, der nicht nur als Wirtschaftsminister sondern auch als Schatzmeister seiner Partei dafür zu sorgen hatte, dass Walkämpfe und politische Arbeit finanziert werden konnten.

Die deutschen Unternehmen sahen es nicht ganz uneigennützig als staatsbürgerliche Pflicht an, die – ihnen genehmen – Parteien CDU/CSU und FDP mit ausreichend liquiden Mitteln zu versorgen. Gelegentlich wurden einzelnen Politikern – wie etwa Kohl – auch gerne eine Spende zur persönlichen Verwendung übergeben. Brauchitsch prägte dafür den Begriff der Pflege der Bonner Landschaft.

Dabei waren die Industriekapitäne der “Deutschland AG” sich keiner Schuld bewusst und setzten die Kosten dafür von der Steuer ab. Diese Angaben wurden auch von den Finanzämter akzeptiert.

Erst Jahre später wurde diese Praxis als Steuerhinterziehung eingeschätzt und diejenigen, die auf diese Weise die Parteien finanziert hatten, erhielten in der Regel von der Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl, mit dem sie die Angelegenheit still und leise durch Zahlung erledigen konnten. Was ihnen lieber war als ein öffentlicher Prozess, den nur einzelne wie der Pharma-Unternehmer Madaus riskierten, der Widerspruch einlegte statt zu zahlen. Auch der CDU-Schatzmeister Leisler-Kiep konnte so ohne öffentliches Aufsehen sich seiner vermeintlichen Schuld entledigen und unbehelligt seines Weges gehen.

Nicht so von Brauchitsch und Hanns Friedrichs, der vom Posten des Wirtschaftsministers an die Spitze einer Frankfurter Großbank gewechselt war. Lambsdorff war an seiner Stadt Wirtschaftsminister geworden und hatte mit dem sogenannten “Wendepapier” das Ende der hinfällig gewordenen sozialliberalen Koalition besiegelt. Helmut Schmidt, der sich in seiner eigenen Partei weder mit dem NATO-Doppelbeschluß noch mit einem Sanierungskurs der Staatsfinanzen durchsetzen konnte (O-Ton zur Fraktion: “man müsste noch viel tiefer schneiden. Aber das ist mit Euch ja nicht zu machen), wich dem nicht besonders beliebten Helmut Kohl. Über die FDP sagte man danach, die Abkürzung stünde für “Fast Drei Prozent”.

Der Flick-Konzern hatte in jener Zeit ein großes Aktienpaket von Daimler-Benz an die Deutsche Bank verkauft und wollte sich dafür Steuerfreiheit sichern, die seinerzeit dann gegeben waren, wenn der Verkaufserlös volkswirtschaftlich sinnvoll wieder anzulegen war. Das fiel dem Mischkonzern nicht schwer und war auch sonst Usus, weil Teilverkäufe in Unternehmen ja dazu dienen sollten, das gewonnene Kapital wieder im eigenen Unternehmen zu reinvestieren.

Die Staatsanwaltschaft behauptete nun, die Wirtschaftsminister Friedrichs und Lambsdorff hätten sich von Brauchitsch bestechen lassen und die Angelegenheit sonst nicht befürwortet. Damit war ein anderer Rechtsgrund konstruiert, der eine öffentliche Anklage rechtfertigte. Die Eröffnung des Hauptverfahrens kostete dann schon Lambsdorff den Job als Wirtschaftsminister. Ziel eins war erreicht. Auch Friedrichs und von Brauchitsch mussten von ihren Posten zurücktreten, schon alleine um genügend Zeit zu haben, um sich zu verteidigen.

Leyendecker spikte seine allwöchentlichen Spiegel-Berichte mit allerlei Details, die er nur von der sozialdemokratisch unterwanderten Staatsanwaltschaft haben konnte und hielt so das öffentliche Interesse am dahin dümpelnden Verfahren monatelang am Köcheln.

Entsprechend der gängigen Rechtssprechung gab es auch Urteile wegen Steuerhinterziehung. Lambsdorff und Friedrichs mussten wie ihre Kollegen von der CDU/CSU eine Geldstrafe berappen, von Brauchitsch schonte seinen Arbeitgeber Friedrich-Karl Flick und schwieg auch nobel über das Gebahren anderer Unternehmen. Dafür bezahlte er mit einer zweijährigen Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt worden ist, nachdem er eine Geldbuße in Höhe einer Halben Million Mark entrichtet hatte.

Während der turbulenten Jahre der Flick-Affäre habe er es stets abgelehnt, andere hineinzuziehen, zu denunzieren, den Mächtigen zu drohen oder schmutzige Wäsche zu waschen, schrieb er 1999. Trotzig-resignierend fügt er an: „Der Preis des Schweigens waren Jahre der Einsamkeit“. In seiner Abrechnung mit den Vorgängen registriert er verbittert, dass jene, denen er geholfen hatte, plötzlich Gedächtnislücken hatten, wenn der Name von Brauchitsch fiel.

schreibt Peter Gillies in der Welt.

In den erwähnten Memoiren deutete er die Spenden als “Schutzgelder”, die von der Industrie bezahlt werden mussten, um sich ein gewogenes politisches Meinungsklima zu erhalten. Das erinnert zwar an die Lebensweise italienischer Restaurants im Umfeld der Mafia. Es habe permanente Bitten aller Parteien und Schatzmeister um Geld gegeben, Juliane Weber, die Bürodame Kohls, habe mehrere Male schwere Kuverts abgeholt. Die Summen seien nie in den CDU-Büchern aufgetaucht, und Wolfgang Schäuble habe ihn, Brauchitsch, schön gebeten, vor dem Untersuchungsausschuss nichts zulasten Kohls auszusagen, er müsse sich ja nicht so genau erinnern.

Alle Politiker kamen entweder gut weg oder schnell wieder auf die Beine. An Brauchitsch blieb alles hängen. Er war Amateurboxer von Jugend auf, Sportmann, sehr selbstbewusst und weder anderen noch sich selbst gegenüber zimperlich

schreibt Herbert Kremp ebenda.

Die Geisteshaltung des Mannes findet man auch in einem Welt-Interview, was dort verlinkt ist.

Das ist nicht nur ein Verlust von Ansehen, die Entwicklung gefährdet in hohem Maße die internationalen Finanz- und Kapitalmärkte, ohne die eine Volkswirtschaft nicht funktionieren kann. Die großen Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft, die Industrie, müssen auch Vorbilder sein. Zum Vorbildsein gehört, dass ich alles unterlasse, was nicht den Kriterien von Ehrlichkeit, Anständigkeit und Sauberkeit entspricht. Da sind wir wieder an dem Punkt der Auswahl der richtigen Führungskräfte.

Natürlich ist es problematisch, ausgerechnet Flick gedient zu haben, einem Konzern, der ein wahrer Kriegsgewinnler war. Das hinderte aber auch die Politiker nicht, über 25 Millionen Mark entgegen zu nehmen.

Leyendecker lässt es sich nehmen, alte Erfolge wieder aufzuwärmen und im Jargon des Klassenkampfes über Brauchitschs Wirken zu schreiben.

Der Flick-Konzern hatte in Zusammenhang mit einer erhofften Steuerbefreiung in dreistelliger Millionenhöhe die Bonner Landschaft gedüngt. Vertreter des Unternehmens statteten Politiker mit Barem aus, sie ölten mit Geld die Parteiapparate und kümmerten sich sogar um die parteinahen Stiftungen.

Die ganze Republik wurde inventarisiert, um dem Flick-Konzern zusätzlich Steuergelder in die Kassen zu spülen. Der Chefmanager und seine Helfer versuchten,Politiker durch Geschenke oder Betreuung auf Auslandsreisen für ihre Zwecke gewogen zu machen, den Einfluss der Linken in den Parteien zu neutralisieren und Flick-genehme Nachwuchspolitiker zu fördern.

Nebenbei steuerte “v.B”. das Lobby-Büro des Konzerns in Bonn, dessen Mitarbeiter Geld in Briefen, Kuverts und Umschlägen verteilten. Das Geld stammte entweder aus der “Sonderkasse” oder der “Schwarzen Kasse”, auch gab es “inoffizielle Zahlungen”. Minister wurden gelegentlich daran erinnert, dass sie den Gebern gegenüber “im Obligo” seien. Zeigten solche Hinweise keine Wirkung, wurden Emissäre in der Hoffnung in Bewegung gesetzt, auf dass dem jeweiligen Ministerium Beine gemacht werden.

Die Praktiken gingen über alles hinaus, was linke Ideologen damals über die “Instrumentalisierung der Politik durch das Kapital” in Aufsätzen zusammenschrieben. Mitte der achtziger Jahre wurde Deutschlands berühmtester Landschaftsgärtner wegen Steuerhinterziehung zur Zahlung von umgerechnet 225.000 Euro und einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Vom Anklagepunkt der Bestechung wurde von Brauchitsch damals freigesprochen.

Mitdem Nachtritt suggeriert er gleichzeitig, das rechtsstaatliche Urteil sei falsch und die Bestechung tatsächlich gegeben. Ein Rest Respekt scheint immer noch aufzuscheinen:

Er war dann Testamentsvollstrecker seines 2006 verstorbenen Sandkastenfreundes Friedrich Karl Flick, den er viele Jahre nicht nur beraten, sondern in der Zeit der Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft beschützt hatte wie ein älterer großer Bruder den ängstlichen kleinen Bruder beschützt. V. B. nahm in der Affäre mehr auf sich als er musste.

Leyendecker tritt nach und lässt tief blicken in die Qualität und die Historie des deutschen Journalismus, der stets ein Feind des Liberalismus und auch der Wert-Konservativen war. Er wähnte sich in Gefahr und sass stets am längeren Hebel. Seine Selbstgewissheit verkaufte er stets als die bessere Moral. Der Kampagnen-Journalismus, den insbesondere der Spiegel in den siebziger und Achtziger Jahren betrieb, prägte unser aller Weltbild nachhaltig, indem ein Teil der Realität umgeschrieben wurde. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

von Brauchitsch war ein konsequenter Mann bis zum Schluss. Weil Besserung nicht zu erwarten war, ging er schwer krank gemeinsam mit seiner unter Parkinson leidenden Frau unfreiwillig aber selbstbestimmt in den Tod.