Vor etwas mehr als fünf Jahren gingen die “Freunde der offenen Gesellschaft”, eine Ansammlung von ehemals linken Konvertiten, die den Liberalismus entdeckt hatten, an den Start mit einem viel größeren Anspruch, als nur ein Blog zu treiben. Es ging um die Rettung der Welt vor der Linken. Das seitenlange im vertrauten Jargon abgefasste Gründungspamphlet definierte nicht die eigene liberale Geisteshaltung sondern die radikale Abkehr vom linken Gedankengut und dafür war es schon eine intellektuelle Großleistung. Mit dem in Anspruch genommenen Namenspatron Karl Popper und dem “kritischen Rationalismus” hatte die Gründergeneration allerdings nicht viel gemein.

Poppers zentrale Erkenntnis ist das Recht auf Irrtum. Und das bedingt die präzise Formulierung der eigenen Vorstellung, so dass sie an der Realität oder dem Beweis des Gegenteils scheitern kann um im Rahmen eines evolutorischen Prozesses durch eine bessere ersetzt zu werden.

Der Absolutismus der Konvertiten schützte sie aber vor der Einsicht in die auch in der Erleuchtung mögliche Fehlbarkeit und beförderte heftigste Konflikte erst untereinander und später unter den Sympathisanten, die sich wegen des prägenden Titels und der zuerst heimeligen “Liberalen Lagerfeuer” und verrauchten Stammtische einfanden und – wie ich – aus einer ganz anders geprägten urliberalen – Geisteshaltung in der Begeisterung hinzukamen, nicht länger allein zu sein und neue Verfechter der schon lange für Recht erkannten Sache gefunden zu haben.

Die neue Idee wurde aber mit den alten Methoden der spätstalinistisch-bundesrepublikanischen Sozialisation vertreten: Es kann nur einen Liberalismus geben und dass ist die jeweils individuell vertretene Sicht auf die Welt. Wer der alten Idee nicht abgeschworen hat, war genauso als Persona Non Grata zu behandeln wie jemand, der als Frau auf dem eigenen Blog interessante Bemerkungen zur Behandlung von Mann und Frau  in der Medizin machte.

Der daraus entsprungene email-Krieg entbehrte jeder intellektuellen Beißhemmung und machte das Politische schneller persönlich, als einem lieb sein konnte. So zerfleischte die Gründergeneration erst sich selbst und dann die hinzugetretene Sympathisantenszene. Begegnet man sich zufällig auf einer Unterstützer-Demo Darfurs, der iranischen Opposition oder eines Pro-Israel-Aufmarschs ist das Schweigen der Sektierer eisig.

Die öffentlich zum Ausdruck gebrachte Abschätzung der anerkannten Autoritäten, wie der “Achse der Guten” durch überflüssige Detaildiskussionen oder Feststellung des “richtigen Umgangs” mit Abweichlern der eigenen Provienienz scheitert nicht nur daran, dass man selbst nicht in der Lage wäre, die eigenen Maßstäbe an sich selbst anzulegen. Sondern an der Absolutheit der einzig wahren Erkenntnis: Der eigenen.

Die offene Gesellschaft ist ohne die Freiheit des Irrtums nicht denkbar. Auch des eigenen. Die Liberale Sache ist deshalb eine räumliche Perspektive, weil erst viele Ansichten das ganze Bild ergeben. F.A. von Hayeks Konzept einer sozialen Evolution bedingen das Prinzip des “Trials and Error”. Die Erkenntnis dieses Irrtums bedingt aber die Bereitschaft, ihn erkennen zu können. Dafür ist aber die Definition des eigenen Weltbilds erforderlich und nicht nur die Beschreibung Anderer, denen das Recht auf Irrtum genauso zuzugestehen ist wie einem selbst.

Wem es um die Sache geht, der muß nicht persönlich werden und menschliche Eigenschaften mit politischen Ansichten vermengen. Er bedarf des personalisierten Angriffs nicht, weil er sein Argument gut geprüft und ausreichend spezifiziert vorgetragen hat, so dass die Gegenseite sich mit seiner Widerlegung ausreichend schwer tut.

Im Zeitalter von FdoG 2.0 wird das Blog leider nur noch von drei Autoren getragen. Andere – die wir gerne gehalten hätten – haben sich eingedenk des Gemetzels angewidert abgewendet, weil ihnen der Name “Freunde der offenen Gesellschaft” vielleicht weniger bedeutend erscheint als dem Autor dieser Zeilen, dessen Intellekt insbesondere durch die Wissenschaftstheorie von Popper, Hayek und Watzlawick geprägt worden ist, ohne jemals vorher durch ein linkes Martyrium gegangen zu sein, auch wenn ich nie zu den herrlich von Jan Fleischhauer beschriebenen Jung-Unionisten mit Pilotenbrille und Delsey-Aktenkoffer gehörte. Eine während des Studiums kurzzeitig aus Parteienverdruß betriebene FDP-Mitgliedschaft endete in der Widerwärtigkeit der Kämpfe um die Listenplätze auf den Parteitagen der Jung-Liberalen. Verbissenheit ist mir in jeder Form unangenehm.

Das Autorenteam harrt auf Verbreiterung und Verbreitungsgewinne der durch IP-Adressenwechsel und Hackerei geschrumpften Leserschaft. Die Anonymität gewährt den Autoren das Recht auf Deutlichkeit, das ihnen die vermeintlich so plurale Gesellschaft nicht mehr zugesteht. Das Bekanntwerden der eigenen Überzeugung gefährdet manche bürgerliche Existenz und deren materielle Grundlage. Das spricht nicht für das Selbstverständnis des Blogs sondern gegen eine Gesellschaft, deren Mainstream nach wie vor von Karl Marx geprägt ist und nicht von Karl Popper.

Solange mir kein besserer Name als der dieses Blogs einfällt, wird es kein neues “Projekt” geben, das den durch Spätmarxistische Methodenquerelen beschädigten ersetzt. Mein eigenes Handeln ist mittlerweile nicht länger durch das Sendungsbewußtsein der möglichen Veränderung der Gesellschaft geprägt. Hat Hayek Recht, stellt sich das durch fortwährende Evolution bei der Berücksichtigung von gelegentlichen Rückschlägen ohnehin ein.

Ich nehme lieber Anleihe bei Sebastian Haffner, dessen “Erinnerungen eines Deutschen” ein Beweis dafür sind, dass nach der nächsten denkbaren Katastrophe nicht wieder jedermann behaupten kann, dass es so kommen könne, habe ja keiner gewußt.

P.S.: Der Anlass dieses Textes ist nicht nur die fünfjährige Existenz des Blogs und auch nicht die vielleicht notwendige Abgrenzung der “zweiten Generation” von den Gründern. Einer der Initiatoren hat unlängst auf das Gründungspamphlet verwiesen. Leider hat ihn nach großartigem Anfang wieder der Willen zur angekündigten Kontinuität verlassen. Und ein geschätzter Kommentator hat bei Heise die Reaktion auf das Gründungspamphlet aufgespürt, mit dem wir uns so nicht mehr identifizieren wollen, auch wenn es seinerzeit für die Beteiligten ein nicht zu unterschätzender Akt der Befreiung gewesen sein mag.

Die Zerlegung der liberalen Szene in ihre gegenwärtige Kleinteiligkeit bleibt zu bedauern. Rayson: Vielfalt statt Einfalt bleibt das Ziel.