Das wundert den geneigten Leser. Ein originales Willy Brandt Zitat auf einer liberalen Seite, die stets propagiert, dass zwischen der Diktatur der Mehrheit (=Demokratie) und dem Konzept des Liberalismus ein nicht zu überbrückender Widerspruch herrscht.

Natürlich meine ich nicht, dass man die Staatskrake noch weiter wachsen läßt und etwa Unternehmensvorstände demokratisch von der Belegschaft wählt. Das Koordinationsprinzip des Wettbewerbs ist dem des Zwangs der Mehrheit immer überlegen, weil er auch das Wissen derjenigen nutzt, die der Minderheit angehören.

Wer aber einen freiheitlichen Rechtsstaat braucht, und nur der kann die Freiheit des Schwachen vor dem Stärkeren und dem Staat selbst schützen, der braucht ein Koordinationsprinzip. Als stabil hat sich die repräsentative Demokratie erwiesen. Im Vergleich zu absoluter Monarchie oder Diktatur schneidet sie am besten ab, hat allerdings einen Schönheitsfehler: Ein falsches Anreizsystem für die Repräsentanten. Je nach Ausprägung führt dieses die repräsentative Demokratie früher oder später in den Staatsbankrott, weil die Regierung nicht für die Schulden, die sie macht haftet. Mit neuen Schulden, die späteren Regierungen hinterlassen werden, versucht man die auf die eigene Partei entfallenen Stimmen jetzt zu maximieren.  Das geht solange gut, bis die Kreditgeber des Staates zu der Auffassung gelangen, dass der Staat die Zinsen nicht mehr zurückzahlen kann. Weil der deFacto nicht insolvent gehen kann, ist eine Umschuldung immer möglich und die Zinszahlung das entscheidende Kriterium. Je weniger Kreditgeber sich auf dem Kapitalmarkt finden, die diese Erwartung erfüllen, desto höhere Zinsen können sie dem Staat abverlangen, was die notwendige Entwicklung nur verschärft.

In diesem Fall sinkt die Erwartung, dass eine Umschuldung gelingt, d.h. dass der Staat noch genug Kreditgeber findet und die Zinsen zahlen kann. In genau diesem Dilemma steckte Griechenland.

Am Wiederstandsfähigsten erweisen sich erstaunlicherweise die Demokratien, die am wenigsten repräsentativ sind: Die Briten und die Amerikaner haben Jahrhunderte überdauert, während im Rest Mitteleuropas die Demokratie meist eine Nachkriegserscheinung ist und sich Diktaturen und Monarchien vorher abwechselten.  Auch aus geographischen Gründen fand auf ihrem Grund seit Jahrhunderten kein Krieg mehr statt und beide haben auch immer wieder geschafft, sich zu reformieren. Das gilt insbesondere für die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als unter Ronald Reagan und Margret Thatcher die Länder vom Kopf auf die Füße gestellt wurden, wovon beide Staaten auch bis heute profitieren.

Beide haben überlebt, weil sie reformfähig genug waren, um Verwerfungen und Fehlentwicklungen zu beseitigen. Das ging wahrscheinlich, weil mit einer geringen Prozentzahl der abgegebenen Stimmen die absolute Mehrheit zu erringen war und das Gewicht des Politikers gegenüber seiner Partei viel größer ist, weil er nicht abhängig von Listenaufstellungen des Parteitages ist sondern von den Stimmen seines Wahlkreises.

Noch erfolgreicher ist im historischen Vergleich nur eine Demokratie: Die Schweiz. Und die ist nicht repräsentativ, sondern direkt.  Das verhindert die politische Mengenlehre: In der repräsentativen Demokratie kann der Politiker durch Schnittmengenbildung seine Wählerstimmen maximieren. Verspricht er etwa den Bauern und den Bergleuten Subventionen, werden beide ihn wählen. Werden die Subventionen jeweils separat zur Abstimmung gestellt, stimmen die Bauern gegen die Bergbau- und die Bergleute gegen die Agrar-Subventionen. Klientel-Politik ist nicht mehr möglich.

Die direkte Demokratie ist also der repräsentativen strukturell überlegen. Am Beispiel der Schweiz lässt sich auch darstellen, dass ein niedriges, einfaches und gerechtes Steuersystem und eine Null-Schuldenpolitik kein Gegensatz ist. Das Land ist ein Hort der Stabilität, der Franken sicher.

Darüber hinaus kann der verschärfte Einsatz plebizitärer Elemente in einer unübersichtlichen Parteienlandschaft die Entscheidungsfindung erleichtert. Das Oligopol mutiert zur Allparteienregierung, die jeweils um die Zustimmung des Volkes zu bestimmten Sachfragen wirbt.

So haben auch Liberale und Konservative es im Vereinigten Königreich gehalten: Weil sie sich nicht über eine Wahlrechtsreform einig sind, entscheidet das Volk.