Als gestern Nachmittag gemeldet wurde, dass die Täter von Boston „foreign born“ sind und aus Hass auf die USA gehandelt haben bekam ich einen Riesenschreck. Waren es etwa deutsche Qualitätsjournalisten? Wollte ein verzweifelter Marc Pitzke angesichts des Scheiterns verschärfter Waffengesetze ein Zeichen gegen die NRA setzen? Und wo ist eigentlich Jakob Augstein?

Dann stellte sich zum Glück heraus, dass tschetschenische Islamisten für den Anschlag verantwortlich waren. Einen großen Unterschied macht das natürlich nicht. In zentralen Punkten passt zwischen salafistische Fundibomber und deutsche Qualitätsschreiber keine Koranseite: Hass auf westliche Werte, Israel und Amerika ist beide Gruppen heilig. Wer sich in linken deutschen Medien über die USA informiert, der nimmt wahrscheinlich auch die Türkeiberichterstattung von Politically Incorrect ernst.

In der SZ mokiert man sich in einem bemerkenswert unempathischen Artikel darüber, dass„jeder Akt der Nächstenliebe“ von den amerikanischen Medien „glorifiziert“ wird. Die Trauerbekundungen vieler Amerikaner in Schweigeminuten, Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen möchte das Neue Süddeutschland ausdrücklich als „Instrumentalisierung der Todesopfer“ verstanden wissen. SPON erklärte uns, dass der Anschlag von Boston, falls er denn auf das Konto von Islamisten ginge, der erste islamistisch motivierten Terrorakt seit 9/11 wäre. Das Massaker von Fort Hood mit 13 Toten hat man der Einfachheit halber übersehen. Gregor Schmitz hofft unterdessen verstohlen auf einheimische Täter, am besten „eingefleischte Staatsgegner“, schließlich war am Tag des Anschlags „Steuerstichtag“. Wenn das mal kein todsicheren Indiz für einen Redneck-Bomber mit NRA-Mitgliedschaft und Tea-Party-Zugehörigkeit ist! Seine größte Sorge ist, dass die Amerikaner in Zukunft keine Taschenmesser mehr ins Flugzeug mitnehmen dürfen.

Bei der ZEIT macht man es sich da einfacher. Schuld sind ohnehin immer die Amis, egal wer die Bomben letztlich zündete: Entweder war es jemand „aus ihrer Mitte“ oder „Rache für ferne Kriege“. Ein Großteil des Artikels geifert gegen „die Rechten“ und „die Libertären“, die sich das linksbürgerliche Käseblättchen ganz doll als Täter wünscht. Wobei „einer der vielen traumatisierten Kriegsveteranen“ ebenfalls in Ordnung ginge, denn dann könnte man schadenfroh feststellen, dass „der Krieg doch wieder ins Leben der Amerikaner eingebrochen“ ist. Apropos Krieg: Hubert Wetzel befürchtet in der SZ Drohnenangriffe der USA auf russisches Gebiet und schwadroniert unkenntnisreich von den ersten home grown terrorists Amerikas. Passend dazu bangte der SZ Live Ticker während der Fahndung nach Dschochar Zarnajew:

Und alle fragen sich: Wie lang hält dieser 19-Jährige, der seinen Bruder verloren hat und allein gegen die amerikanische Staatsgewalt steht, noch durch?

Beim Neuen Süddeutschland war man sicher erleichtert, dass der sympathische Jihadist lebend gefasst wurde. Sein älterer Bruder weilt ohnehin bei Osama bin Laden im Paradies.

Haben Tamerlan und Dschochar Zarnajew eigentlich jemals ein Praktikum bei einer deutschen Zeitung gemacht? Falls ja, würde das vielleicht ihre Motivlage erklären.

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