Gäbe es Jakob Augstein nicht, man müsste ihn erfinden. Kein linker Gänsefüsschenintellektueller kann so wie er das inkonsistente Weltbild der gutsituierten Salonsozialisten aus den Altbauvierteln dieser Republik in uninspirierte Texte gießen. Pünktlich zum Osterfest widmet er sich der frömmelnden Kapitalismuskritik und predigt uns die „Jesus-Alternative“ zu Neoliberalismus und Marktradikalität. Augstein wünscht sich die „Kraft der Utopie“ für die Politik, ja den „Sieg des Utopischen. Und zwar im Diesseits“. Nun weiß jeder mit rudimentären Geschichtskenntnissen, dass real existierende Utopien in totalitären Gulagstaaten und mit Millionen Toten zu enden pflegen, aber solche Details stören das linke Weltbild nicht. Im Gegenteil, ein paar Absätze weiter beklagt der millionenschwere Kapitalismuskritiker den Zusammenbruch des Ostblocks, ging damit doch die „Abgrenzungsrealität“ verloren, „vor der der Westen sich immerhin rechtfertigen musste“. Es ist also nicht so, dass Augstein nicht um den historischen Preis seiner antikapitalistischen Utopien wüsste, er ist ihm einfach nur egal.

Ansonsten bestätigt sich wieder einmal: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Jakob Augstein eine intelligente Kolumne schreibt. Er fabuliert von Jesus als erstem Kommunarden, entsetzt sich über entseelte Apple-Jünger und bringt Papst Franziskus gegen die „menschenfeindliche Gier des Finanzkapitalismus“ in Stellung. Kurzum, Augstein wütet gegen den schlimmen Markt, der die „Welt an den Rand des Kollaps“ geführt habe, wie der von ihm zitierte Luther gegen die Juden und ihre Lügen. Dabei sitzt er allerhand Mythen auf. Es war nun gerade nicht der von Augstein verteufelte Markt, der die Bankenkrise 2007/2008 auslöste, sondern das von ihm gefordert Primat der Politik über den ökonomischen Sachverstand.

Schließlich ist es wohlfahrtsstaatlichen Eingriffen in den amerikanischen Immobilienmarkt zu verdanken, dass Kredite an Menschen vergeben wurden, die diese nicht zurückzahlen konnten. Die Folgen sind bekannt: Faule Papiere überschwemmten die Finanzmärkte und Banken in aller Welt mussten mit Steuergeldern gerettet werden. Es ist auch nicht der „Kapitalismus“ der seine Versprechen nicht halten kann, sondern es sind die politischen Eliten der hoffnungslos überschuldeten Wohlfahrtsstaaten, deren teure Wahlversprechen sich als Mühlsteine am Hals ruinierter Volkswirtschaften erweisen. Augsteins aktuelle Lieblingsutopie, der Euro, sorgt unterdessen für einen neuen Rekord bei den Arbeitslosenzahlen in der EU. Wenn irgendetwas in den letzten Jahren sichtbar abgewirtschaftet hat, dann das Primat der Politik über den Markt. Aber von alledem weiß Augstein nichts. Er träumt stattdessen von einem antiliberalen Utopia, in dem die Politik Kooperation auf freiwilliger Basis – nichts anderes ist ja der Markt – entschieden bekämpft. Das mag im Zweifel links sein, aber vor allem ist es unzweifelhaft totalitär.

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