„Ich streite mich lieber leidenschaftlich mit Volid, einem Vertreter der Palästinenser in Berlin oder mit Conchita von einer Initiative gegen Rassismus über den Nahostkonflikt als mich der Kälte deutscher Antiimperialisten auszusetzen“ schrieb Anetta Kahane 2010 angesichts der Mavi-Marmara-Farce. Wer den aktuellen Kommentar von Jakob Augstein gelesen hat, der kann es ihr nachempfinden.

Zu den inhaltlichen Schwächen dieses Hassgesangs ist an anderer Stelle genug gesagt worden. Augstein ist ein prominentes Beispiel für diese spezielle Sorte selbsternannter Gutmenschen, die trotz ihrer politisch korrekten Gesinnung oft wie Wiedergänger aus Deutschlands brauner Vergangenheit klingen.

Kahane schreibt dazu:

Diese weisen uns Angehörigen einer Minderheit in Deutschland einen Platz weiter oben beziehungsweise unten auf der Prioritätenliste der Menschenrechte zu – wie einst ihre Großeltern, als die sich noch Herrenmenschen nannten.

So stehen Syrer auf Augsteins Liste offenbar ganz weit unten. In Syrien tobt immer noch ein blutiger Bürgerkrieg, doch der SPON-Kolumnist fabuliert lieber Gräueltaten der israelischen Armee gegen Fußball spielende Kinder herbei. Würden Leute wie er sich wirklich für das Wohlergehen der Menschen im Nahen Osten interessieren, dann wäre es ihnen schwerer gefallen, die Zustände in den dort beheimateten Diktaturen und das all gegenwärtige Blutvergießen durch islamistische Mörderbanden seit Jahren so gekonnt zu ignorieren. Erst wenn ein Araber durch die Hand eines Israelis stirbt ist er wichtig genug, um Beachtung zu finden.

Wie anders Journalismus sein kann zeigt Ynet, die beliebteste israelische Newsite. Dort kam gestern an prominenter Stelle Ezeldeen Abu al-Aish zu Wort, ein Arzt aus Gaza, der drei Töchter im letzten Krieg verloren hat. Abu al-Aish arbeitete in Israel als Mediziner und Reporter. Er kommentierte die Operation Cast Lead für einen israelischen Fernsehsender als er die schreckliche Nachricht erhielt. Diese Tragödie hat damals viele Israelis erschüttert.

Während die Menschen im Süden des Landes schon seit Tagen in Bunkern übernachten müssen und sich an der Grenze zu Gaza junge Soldaten für ihren Einsatz bereit machen erscheint also in einem der bekanntesten Medien Israels eine Mahnung an das, was Krieg immer auch bedeutet: Den Tod unschuldiger Menschen. Es wäre für die Soldaten an der Front sicher einfacher, die Augen und vor allem das Herz vor dieser Wahrheit zu verschließen. Doch das ist ihnen als Angehörige der Armee, die den größten Aufwand betriebt um zivile Opfer zu vermeiden und die dabei erfolgreicher ist als jeder andere Streitmacht der Welt, nicht erlaubt. Und es ist in der israelischen Gesellschaft auch nicht erwünscht. Deswegen ist der Gedanke so lächerlich, dass irgendwelche selbsternannten Friedensmahner aus dem sicheren Deutschland die Israelis darüber aufklären müssten, wie schlimm Krieg ist. Die gekünstelte Empörung und geheuchelte Betroffenheit der Augsteins dieses Landes, die ihre tiefsitzenden Ressentiments gegenüber dem jüdischen Staat ohnehin nicht zu kaschieren vermögen, wirken durch die regelmäßige Lektüre israelische Medien dann noch ein bisschen jämmerlicher.

Es gibt überall solche und solche Menschen pflegte meine Großmutter zu sagen. Es gibt sicher Israelis, die kein Mitgefühl mit zivilen palästinensischen Opfern empfinden. Und es gibt bestimmt Menschen im Gazastreifen, die keinen Krieg mit Israel wollen. Es gibt Journalisten, die trotz ihrer Neigung zur einen oder anderen Seite Empathie für alle Opfer mitbringen. Und es gibt solche Kommentatoren wie Jakob Augstein.

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