Dass der nach einem Hodenkrebs Chemotherapiegestählte Rennradfahrer ein anderes Verhältnis zur Pharmaindustrie hatte als man bei der Tour de France, der Vuelta oder dem Giro lauthals vor sich her trug, wurde lange vermutet und kann seit Jahren als unwiderlegt gelten. Dass der Apothekenzirkus den Mann ausgerechnet jetzt fallen lässt, hat weniger mit einer heißen Kartoffel zu tun. Aber mit einer ausgequetschten Zitrone: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. 

Ich bin für die Freigabe von Doping. Zunächst einmal ist Leistungssport ohnehin nicht gesund, wenn man vielleicht von Hallenhalma absieht. Man stelle sich vor, bei der Tour de France würden in Zukunft Pfizer, Bayer und Roche gegeneinander antreten. Wer als erstes auf dem Champs Elysee aufläuft, hat erfolgreich bewiesen, dass die Nebenwirkungen einen nicht (sofort) umbringen und damit dem Marketing des neuen Medikaments, dass einen zu neuer Spitzenzeit antreibt, einen Dienst erwiesen.

Die öffentliche Hinrichtung des vormals siebenmaligen Tour de France Siegers ist dagegen an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. So lange er im Gelben Trikot für Quoten und Moneten bei Sponsoren, TV-Sendern und Organisatoren sorgte, wurde sein geschickter Medikamenteneinsatz nicht einmal ignoriert. Wie wir heute hören, hat er wohl eine positive Doping-Probe mit einer großzügigen Spende an den Radsportverband negiert.

In den vergangenen Jahren ist nahezu jedem Spitzenradler nachgewiesen worden, dass die menschenwidrigen Höchstleistungen bei den diversen Apothekenrundfahrten wohl nur mit der chemischen Keule zu erzielen waren. Und überall ausserhalb der pietätvollen deutschen öffentlich-rechtlichen sind die Spanien-, Italien- und Frankreichrundfahrten immer dann ein Quotenbringer, wenn die rastlosen Radfahrer irgendeine Bergankunft auf 3.500 Meter erreicht haben. Zur Tour d`Himalaya ist es nicht mehr weit.

Hätte man dem Quotengigant Armstrong den Weg gewiesen, so lange er noch im gelben Trikot dem von Freiburger Uni-Ärzten weniger gut eingestellten Telekom-Jan-Ulrich davon fuhr, wäre man vielleicht ein wenig glaubwürdig gewesen, insbesondere wenn letzterer gleich mit aufs Altenteil geschickt wurde.

So hat man sein Verhalten unter moralischen Gesichtspunkten optimiert: Während man über die Rückzahlung von Sponsorengeldern und Siegprämien durch Armstrong spekuliert, bleibt die Kohle bei Rennställen, Sendern und “Förderern” hängen, während man sich in den Sport-Teilen der Tageszeitungen eilfertig über Armstrong ereifert.

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