Dem einen oder anderen Medienkonsumenten flatterte in den letzten Tagen eine E-Mail von Stefan Buhr ins Haus, seines Zeichens „Leiter der Leserbefragung“ beim SPIEGEL-Verlag. Der Empfänger wird darin zur Teilnahme an einer Umfrage zur „Presse- und Meinungsfreiheit“ aufgefordert. Eigentlich eine gute Initiative angesichts der aktuellen Bedrohung eben dieser Freiheiten durch gewaltbereite religiöse Fundamentalisten möchte man meinen, doch darum geht es natürlich nicht.

Der Fall, dem wir diese Aktion zu verdanken haben, liegt schon etwas zurück – 50 Jahre um genau zu sein.

Beim SPIEGEL tut man glatt so, als wäre Rudolf Augstein erst gestern aus der Haft entlassen worden. Das wirkt arg aufgesetzt, ist aber eine gute Hinführung zu der beworbenen „Umfrage“, die folgendermaßen ausfällt:

Dass der letzte heftige Clash mit der großen Politik mittlerweile genau 50 Jahre her ist, scheint für die Hamburger Qualitätsjournalisten kein Grund zur Selbstkritik zu sein. Vielmehr nutzen sie diese Gelegenheit beherzt für einen billigen Werbegag. Bei Teilnahme an der „Umfrage“ winkt ein Dankeschön-Paket inklusive Abo, Fahrradschloss und Kaffeetasse, sofern man gewillt ist noch 29 EUR draufzulegen. Fehlt nur noch die Heizdecke.

Dieser Kaffeefahrt-Appeal passt zum Zustand des einstigen Sturmgeschütztes der Demokratie, das heute oft so anachronistisch wirkt wie Che-Guevara-Poster und Latzhosen. Es war sicherlich verdienstvoll anno dunnemals im damals noch konservativ geprägten Westdeutschland für das Recht der Presse auf das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten einzutreten. Umso nachdenklicher stimmt es, dass das traditionsreiche Magazin seit langem nur noch als Konfettikanone des Mainstreams sein trauriges Dasein fristet. Die wilden 60er sind vorbei, der kalte Krieg ist entschieden, Augstein und Strauß sind tot. Der SPIEGEL ist heute ein zahmes Kampagnenblättchen des herrschenden Zeitgeists. Wer das Heft aufschlägt oder SPON anklickt, der weiß was er bekommt: Antiamerikanismus, Israelkritik, Klimadrama, Kapitalismusbashing, Umverteilungsrhetorik  –  und vor allem wenig Recherche, garniert mit ganz viel Meinung.

Immer dann, wenn in den letzten Jahren investigatives Nachhaken und mutiger Journalismus gefragt waren versagte der SPIEGEL genauso wie der Rest der deutschen Qualitätsmedien. Weder ist man zu einer klaren Linie gegen die aktuellen Feinde der Pressefreiheit, die islamistischen Regime und Mörderbanden, in der Lage, noch schafft man es, die schleichende Etablierung eines europäischen Superstaates an den demokratischen Institution vorbei kritisch zu hinterfragen. Dass die Meinungsfreiheit nur noch als billiger Vorwand zur Abonnentengewinnung dient  – und das in einer Zeit, in der Karikaturen töten können – überrascht vor diesem Hintergrund dann auch nicht wirklich.

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