In den USA wird das antiretrovirale Medikament Truvada für die Präexpositions-Prophylaxe zugelassen, weil es nachweislich HIV-negative Menschen vor der Ansteckung mit der gefürchteten Immunschwächekrankheit schützen kann. Diese Nachricht, die unter normalen Umständen Interesse und vielleicht sogar Hoffnung wecken könnte, löst im Gesundheitsressort von ZEIT online nur Empörung und Missmut aus. Die Pille, so plärrt schon die Überschrift, helfe „nur den Reichen“ und löse außerdem das globale AIDS-Problem nicht. 

Na sowas aber auch. Unter einem Medikament, das das globale AIDS-Problem in Friede, Freude, Eierkuchen umwandelt, macht es das Leitmedium des linksgrünen Bürgertums offenbar nicht. Die Fähigkeiten von Truvada, mit dem schon seit längerem Infizierte behandelt werden, sind tatsächlich deutlich bescheidener. Wer die Pille konsequent schluckt, der kann sein Ansteckungsrisiko bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-positiven Partner um bis zu 70 Prozent senken. Auch wenn Kondome deswegen nicht passé sind und das Medikament ohnehin nur unter strengen Auflagen an Hochrisikogruppen ausgegeben werden soll, so handelt es sich immerhin um die erste medikamentöse HIV-Prävention überhaupt.

Auf ZEIT online gibt man sich angesichts dieses wissenschaftlichen Durchbruchs betont skeptisch, wie auch andere deutsche Qualitätsmedien. Tapfer werden die Haare in der Suppe gesucht: Wiegt die Pille vielleicht in falscher Sicherheit und begünstigt so riskantes Verhalten? Ein Forscher wird mit der hochkompetenten Einschätzung zitiert,  dass es im Alltag nicht praktikabel wäre, „über lange Jahre täglich“ eine Pille zu nehmen.  Immerhin, das Argument möglicher Resistenzen, die entstehen können wenn unwissentlich Infizierte Truvada kurzfristig zur Prophylaxe verwenden, wirkt nicht völlig an den Haaren herbei gezogen.

Richtig in Fahrt kommt der Artikel, als der Blick weg von den schnöden medizinischen Fakten auf das große Ganze fällt. Der entsetzte Leser muss erfahren, dass die Pharma-Firma Gilead-Sciene sich mit der Verwendung von Truvada als HIV-Prophylaxe „eine neue Einnahmequelle“ erschließt, und dass, obwohl das Medikament dem Unternehmen ohnehin schon einen „Rekordumsatz“  beschert. Warum man darüber die Nase rümpfen muss, wenn ein Unternehmen, das ein erfolgreiches  Produkt hervorgebracht hat, damit Geld verdient, bleibt das Geheimnis der ZEIT-Gesundheitsredakteure, die vermutlich alle für den Gotteslohn arbeiten. Die Pharmakologen, Mediziner und Biologen, die in den Laboren von Gilead und anderen Pharmafirmen an neuen Arzneien forschen, wollen dafür aber in der Regel Geld sehen. Überhaupt kostet die Entwicklung von Medikamenten Unsummen, dauert Jahre und endet nicht selten in einer Sackgasse.

Wenn im Artikel gleich zweimal beklagt wird, dass 30 Tabletten Truvada 800 Euro kosten, und damit für Entwicklungsländer zu teuer seien, dann greift dieser antikapitalistische Reflex wiedermal zu kurz. Denn wenn sich Pharmaforschung nicht mehr lohnt, weil jedes neue Medikament zu Preisen abgegeben werden muss, die auch in Afrika als bezahlbar gelten, dann wird es eben keine Forschung mehr geben. Zudem hat gerade die Geschichte der globalen AIDS-Epidemie  gezeigt, dass medizinische Innovationen aus den Industriestaaten mit einer Zeitverzögerung auch in den ärmeren Regionen der Welt ankommen, wo eine HIV-Infektion zum Glück auch nicht mehr gleichbedeutend mit einem Todesurteil sein muss – wie die ZEIT einen Tag später übrigens selbst vermerkt. Trotzdem klagt der Truvada-Artikel unbeirrt, in den Entwicklungsländern fehle doch schon „das Geld, um selbst die HIV-Infizierten vernünftig zu behandeln“.

Das Leid kranker Menschen in den ärmsten Regionen der Erde gegen diejenigen auszuspielen, die mit ihrer Forschung überhaupt erst die Voraussetzungen für den Sieg über die Seuche schaffen, ist von der typischen Kurzsichtigkeit der Selbstgerechten getragen, die immer wieder durchscheint, wenn sich das  Juste milieu der linken Bürgertums zu Problemen äußert, die für „Nein-Danke“-Parolen zu komplex sind.

Wie schrieb Michael Miersch so treffend:

Schafft die Computerrevolution Arbeitsplätze, reinigt der Katalysator die Luft, steigert Gentechnik die Ernten, dann sitzt die Linke auf dem Sofa, verschränkt die Arme und ist beleidigt.

Das gilt offenbar auch, wenn zum ersten Mal in der Geschichte eine medikamentöse HIV-Prävention möglich wird.

 

About these ads