Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts zur Beschneidungsdebatte zu schreiben, aber nachdem ich mit wachsendem Entsetzen miterleben muss, wie ein Facebook-Freund nach dem anderen virtuell die Hosen runter lässt und sein Geschlechtsteil zum Gesprächsthema Nummer eins macht, kann ich nicht mehr schweigen. Ich weiß nicht, ob Beschneidungen traumatisieren, aber die Art und Weise wie neurotische Schniedelfetischisten über dieses Thema streiten tut es ganz bestimmt. 

Ich habe nichts gegen Männer und ihre Schwänze, ganz im Gegenteil. Aber ich entscheide gerne selbst darüber, wessen Anhängsel mich näher interessieren könnte. Doch seit dem verhängnisvollen Urteil des Kölner Landgerichts lassen Herren aus ganz Deutschland mir und dem Rest ihres sozialen Netzwerks ungefragt Details über ihren kleinen Freund und seine Handhabung angedeihen: Wie schön ihre Vorhaut beim Onanieren über den Schaft gleitet, dass sie trotz Beschneidung eine total sensible Eichel haben, wie sie sich vom Smegma befreien, warum ihr beschnittener Schwanz so ästhetisch ist – selbst für durchaus penilophile Zeitgenossinnen wie mich ist das way too much information! Wie fände man(n) es denn, wenn die übergewichtige Facebook-Bekanntschaft im Rentenalter wortreich ihre langen Schamlippen lobt und bekennt, wie viel Spaß der Sex ihr deswegen immer schon gemacht habe?

Eben.

Zu der eigentlichen Diskussion habe ich keine dezidierte Meinung. Die Argumentation atheistisch gesinnter Liberaler leuchtet mir ein, aber ich respektiere auch das Bedürfnis gläubiger Menschen nach Ritualen, die für ihre Religion konstituierend sind. Schwierig das Ganze. Nicht besonders schwer hingegen ist die Einordnung der Debatte, die uns aus Kommentarspalten und Facebookposts entgegen schwillt: Hysterisch bis wahnhaft. Sexualpsychologen dürften ihre helle Freud(e) an den hoch erregten Praeputium-Postings der letzten Tage haben.

Beschneidungsgegner, vor allem wenn sie aus dem chronisch meschuggenen Männerrechtlerlager entlaufen sind, entblöden sich nicht, Beschnittene als „verstümmelt“ und unfähig zu sexuellem Lustempfinden zu bezeichnen. Die vermeintlichen Opfer archaischer Bräuche wiederum protzen mit ihrer „Super-Potenz“ und diagnostizieren bei ihren Diskussionsgegnern unbehandelte Phimosen und Stinkezipfel.  Mitlesenden Frauen entlocken solche Sprüche nur ein müdes Lächeln. Liebe Schwanzvergleicher, lasst Euch von denen die es wissen müssen sagen: Weder sind Beschnittene verstümmelt, noch können sie alle ewig. Auch sind Vorhautträger nicht per se Kurzstreckenläufer und die meisten von ihnen halten ihren Strafraum mit Wasser und Seife ganz gut sauber. Von daher erschließt sich mir als Praktikerin die ganze Aufregung um das mit oder ohne sowieso nicht.

Und nur mal so am Rande: Millionen von Frauen bekommen ohne jegliche medizinische Indikation einen Hormoncocktail verschrieben, der nicht wenigen von ihnen die Libido raubt und das sexuelle Empfinden vielleicht irreversibel schädigt. Von den anderen Risiken und Nebenwirkungen wie Thrombosen, Leberschäden und Krebs will ich hier gar nicht anfangen. Gemeint ist natürlich die Pille, deren Einnahme so gerne für selbstverständlich gehalten wird. Dabei  weiß bis heute niemand genau, was orale Kontrazeptiva so alles im Körper anrichten. Da trifft es sich ja umso besser, dass seit 1960 ein riesiger Feldversuch am Laufen ist. An empörte Debatten über die unkritische Haltung der Ärzteschaft  zu diesem Thema und flammende Plädoyers für das Recht der Frau auf sexuelle Lust kann ich mich partout nicht erinnern, dafür an jede Menge dummer Witze von den Mario Barths dieser Welt über frigide Weiber die immer nur Kopfweh haben.

Ich glaube kaum, dass eine „Pille für den Mann“ mit solchen Nebenwirkungen das Zeug zum Verkaufsschlager gehabt hätte. Also Jungs, jeder hat sein Kreuz zu tragen. Seid froh, dass Euch niemand experimentell am Hormonhaushalt rumfummelt, schaltet mal einen Gang runter und vor allem: Packt Eure Dinger wieder ein und holt sie bitte nur noch raus, wenn Ihr ausdrücklich drum gebeten werdet. Danke.

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