Wann hat eigentlich das letzte Mal jemand in einer deutschen Tageszeitung die Abschaffung der Demokratie gefordert und sich selbst als Diktator vorgeschlagen?
Jorgen Randers, von Beruf “Professor für Klimastrategie” in Norwegen, will die Welt retten, doch es gibt da ein kleines Problem. Weil die „im Kapitalismus angelegte Kurzfristigkeit“ verhindert, dass das Handeln von Unternehmern und Verbrauchern so ausfällt, wie Herr Randers sich das vorstellt, müssen endlich knackige gesetzliche Verbote her, die uns alle auf den tugendhaften Weg des Energiesparens zwingen. Diesen freiheitsfeindlichen Evergreen kennt man von unseren einheimischen GrünInnen zur Genüge. Doch Randers geht weiter, denn ihm stößt ein ärgerliches Merkmal vieler politischer Systeme auf, das die Rettung des Planeten seiner Meinung nach unnötig erschwert: Die Demokratie.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Parlamente das tun, ist gering. Denn die meisten Abgeordneten würden schnell erkennen, dass die Konsequenz daraus wäre, dass vieles, was sie mögen, teurer würde: Strom, Gas. Parlamentarier sind meistens nicht dafür, dass das so kommt. Denn ihre Wähler würden sie dafür verantwortlich machen.
(…)
Wenn das Parlament die Märkte regulieren will, finden die Wähler heraus, dass das kurzfristige Nachteile für sie haben könnte, und machen es so unmöglich.
Also weg mit den parlamentarischen Schwatzbuden! Viel besser wäre ein „wohlmeinender Diktator“, denn so lassen sich „schnelle Entscheidungen ohne lange Diskussionen“ treffen. An dieser Stelle sei dem Herrn Professor gesagt: Das geht übrigens auch über eine medial geschürte und politisch geschickt manipulierte Massenpanik angesichts einer AKW-Havarie am anderen Ende der Welt. So ein Öko-Führer, der die Aufgabe hätte „zum Vorteil der Menschen über die Klimapolitik zu bestimmen“ könnte uns allerdings zügiger in das tausendjährige Reich von Wind und Sonne führen. Übrigens schlägt Randers sich gleich selbst für den Job vor, den er selbstverständlich nach ein paar Jährchen wieder abgeben würde.
So weit, so irre, aber nicht in allen Dingen liegt der Ökofaschist falsch:
Es gibt aber zwei interessante Praxisbeispiele: die chinesische kommunistische Partei und die Europäische Kommission. Die EU-Kommission ist genau das. Sie hat meiner Einschätzung nach in der Klima- und Energiepolitik sehr erfolgreich eingegriffen und die europäischen Staaten weiter getrieben, als sie von selbst gegangen wären.
Schön, das so unverblümt in einem deutschen Qualitätsmedium lesen zu dürfen. In Sachen demokratische Legitimität befinden sich die KP Chinas und die EU-Kommission ohnehin auf Augenhöhe und der Politikstil nähert sich auch schon an:
Die 20-20-20-Gesetzgebung ist ein Beispiel dafür. Die EU hat 2007 entschieden, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken, den Anteil erneuerbarer Energien bis dahin auf 20 Prozent zu erhöhen und die Energieeffizienz um 20 Prozent zu steigern. Die EU-Kommission ist in einigen Politikfeldern also ein „wohlmeinender Diktator“, allerdings nimmt das Europaparlament diese Macht mehr und mehr zurück, was es der EU-Kommission immer schwerer macht, das zu tun.
Oh Schreck, da drängt sich doch glatt ein Hauch von Bürgerwille in die ökosozialistische Planwirtschaft. Ja wissen die denn nicht, dass die Kommission immer recht hat, so wie die Partei:
Die Kommunistische Partei dort hat eine Vielzahl langfristiger Entscheidungen getroffen, die künftigen Generationen nutzen werden. Sie befindet sich außerhalb demokratischer Kontrolle, und wir wissen auch nicht, ob sie ihre Macht auf längere Sicht sichern kann. Die Kommunistische Partei Chinas ist nach meiner Einschätzung ein „wohlmeinender Diktator“, der das Richtige tut, weshalb ich es nicht schlimm finde, dass die Partei sich diese Macht nimmt. Aber viele Menschen stören sich daran.
Komisch eigentlich, denn so eine kommode Diktatur hat im Vergleich zum drögen Rechtsstaat einige handfeste Vorteile:
Ein Beispiel für eine langfristig nachhaltige Entscheidung ist der Ausbau des Schienennetzes für Hochgeschwindigkeitszüge. Zwar wird nebendran dann auch noch eine Straße gebaut. Aber China setzt wegen langfristiger Überlegungen nicht allein auf die Straße. Angesichts der zentralen Enscheidungsstrukturen bremsen die Landrechte einiger dort lebender Menschen nicht den Baufortschritt.
Toll, was? Aber es geht noch besser:
China macht hunderte Papiermühlen dicht und baut stattdessen eine riesige Papierfabrik auf dem höchsten Umweltstandard. Das kann ein „wohlmeinender Diktator“ tun, wenn auch auf Kosten derjenigen, die in den kleinen Fabriken ihre Jobs verlieren. Diese Entscheidungen nützen der Umwelt langfristig und wären in einer demokratischen Gesellschaft nur schwer durchzusetzen. Das hat große ökologische Vorteile auf lange Sicht, schadet aber kurzfristig einigen Menschen. Ich denke, wir werden im Rückblick sagen: Die Chinesen haben das Klimaproblem gelöst.
Von China lernen heißt siegen lernen, lasst uns endlich die Klimaprobleme unsere Planeten endlösen. Klima Heil!






12 comments
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22. June 2012 at 00:29
Spiessbratenbrötchen
Andere sind im Namen des Paneten schon viel weiter: zB der Finne Pentti Linkola.
Zitat Wikipedia:
“Ziel der Weltanschauung Linkolas wäre es, die Weltbevölkerung mit allen möglichen Mitteln – am besten durch einen dritten Weltkrieg – auf mindestens ein Viertel zu reduzieren und diesen Bestand durch strenge Geburtenkontrolle zu halten. Die dann Überlebenden sollten ohne Strom und alle anderen Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation ihr Leben als Fischer, Bauern und Handwerker in einer durch Diktatur regierten Gesellschaft fortführen. Auf diese Weise will er den Fortbestand der Erde sichern und den „homo destructivus“ an seinem zerstörerischen Tun hindern.”
Wenn er es mit seinen Zielen so ernst nimmt, warum fangen er und seine Gedankenbrüder nicht gleich mit sich selbst an?
22. June 2012 at 01:43
Paul
Ist in Nordeuropa eine Seuche ausgebrochen?
Es scheint dort von Irren nur so zu wimmeln.
Gegen Linkola ist Randers ja noch direkt sympathisch.
Wenn man sich allerdings die Kommentare im Forum des Tagesspiegels ansieht, bekommt man wieder Hoffnung.
Es sind sich alle darin einige, dass sie keine Diktatur haben möchten. Auch nicht eine wohlmeinende.
Die DDR hat sich auch immer als eine wohlmeinende Diktatur gesehen.
Die abschreckende Erinnerung ist wohl noch zu frisch?
22. June 2012 at 10:39
Jaquento
Wenn irgendwann das Öl alle ist, die Polkappen eingeschmolzen und die Wirtschaft keine brauchbaren Alternative vorzuzeigen hat, werde ich hier sitzen und sagen “Ich habs euch doch gesagt.”
Wozu Alternativen zu finiten Rescourcen entwickeln, wenn man doch Shareholder Value einfacher und schneller umzusetzen kann, nicht wahr?
Auch wenn man Randers Lobgesang auf den Kommunismus so wie ich nichts abgewinnen kann, so hat er doch einen Punkt: Nachhaltigkeit.
22. June 2012 at 11:34
christianhannover
es gibt doch nun wirklich genug internetseiten, auf denen du deine gummiwörter hinterlassen kannst. welcher missionarische eifer treibt dich eigentlich, es ausgerechnet hier zu tun?
24. June 2012 at 16:49
Jaquento
Was mich hier her treibt? Das Bedürfnis mich mit Leuten auseinanderzusetzen die nicht meine Meinung teilen.
Ich erweitere meinen Horizont, solltest du auch mal versuchen.
Ja.
Ich hoffe du hast recht. Ich kann es aber deinen Glauben an das ewige Öl nicht teilen.
25. June 2012 at 18:27
christianhannover
sorry, aber deine meinung ist mir ziemlich egal.
22. June 2012 at 14:27
Adrian
“so hat er doch einen Punkt: Nachhaltigkeit.”
Weißt Du überhaupt, was das ist?
22. June 2012 at 21:28
Andreas
“Wenn irgendwann das Öl alle ist”
Auch ich habe einen tiefen Glauben an die moderne Medizin, die uns noch viele Krankheiten ersparen und so unser Leben verlängern wird…
aber das werden noch nichtmal unsere Enkel erleben
(what the frack is peak oil?)
22. June 2012 at 12:30
Paul
@Jaquento, ich muss Dir recht geben:
“Auch wenn man Randers Lobgesang auf den Kommunismus so wie ich nichts abgewinnen kann, so hat er doch einen Punkt: Nachhaltigkeit.”
Das ist richtig.
Der Kommunismus ist nachhaltig unmenschlich.
24. June 2012 at 16:50
carrowman
Dem stimme ich absolut zu.
22. June 2012 at 22:18
Alreech
auch ein wohlmeinender Diktator – wie die chinesische KP – muss manchmal harte Entscheidungen treffen wenn es darum geht den eigenen Machtanspruch zu sichern.
Wie das wohlmeinende Diktaturen machen hat man ja Ende der achtziger auf dem Platz des Himmlischen Friedens gesehen.
Unter Professor Randers wohlmeinender Diktatur würden die Panzer vermutlich mit Biodiesel betankt und auf die Demonstranten mit bleifreier – und damit umweltfreundlicher – Munition geschossen.
24. June 2012 at 11:48
Kapitalismus ist keine Ideologie der Kurzfristigkeit: Eine Antwort auf Jörgen Randers | INSM Blog
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