Das von linker Seite gepflegte Geschäftsmodell der Empörungsindustrie wird mittlerweile erfolgreich von rechten Zeitgenossen kopiert. Unlängst erwischte es Mely Kiyak, Kolumnistin im Dienste der DuMont-Presse, nachdem sie den  Berufsprovokateur Thilo Sarrazin als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ bezeichnet hatte und damit beim allseits beliebten Sarrazin-Bashing-Niveaulimbo mächtig vorlegte. Es hagelte Anzeigen von ominösen rechtspopulistischen Vereinigungen und wütende Artikel rechter Blogger.

Die studierte Literatin Kiyak ist eine rot-grüne Gesinnungsjournalistin wie sie im Buche steht und in Sachen Empörung eigentlich sehr erfahren.  Angesichts der Debatte um die antizionistischen Rück- bzw. Ausfälle eines lyrisch veranlagten SS- Veterans fiel Kiyak nichts Besseres ein als darüber zu lamentieren, dass sich niemand über Sarrazins gewagte Thesen zu Migranten aufgeregt habe, weswegen die veröffentlichte Meinung zum ewig  gestrigen Unpoeten gefälligst auch schweigen solle. Was für ein ausgemachter Unsinn: Sarrazin verlor nach der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“ und einer ebenso argumentbefreiten wie empörungsreichen  Medienkampagne seinen Job. Sogar die Kanzlerin und der Bundespräsident kritisierten den renitenten Rechtsaußen öffentlich.  Das mag politisch korrekt sein, ist aber aus demokratietheoretischer Sicht ein durchaus beunruhigender Vorgang.

Ein anderer interessanter Trend in Sachen Empörungswahn ist linker Kannibalismus. Gutmenschen-Theatermacher Hallervorden musste letztens lernen, dass man Antirassismus nicht mit Schuhcreme im Gesicht predigen sollte. Vor ein paar Tagen wurde dann Berufshipsterin Sarah Kuttner bei der Verwendung des N-Wortes während einer Lesung  gestellt und sofort vor ein mediales Standgericht geschleift, dessen Urteil auf mehrere Tage Shitstorm lautete. Grundlage für die Vorwürfe waren die Aussagen eines afrodeutschen Zuhörers, der sich durch Kuttners Ausführungen zu einer rassistisch gestalteten „Negerpuppe“ aus ihrer Kindheit beleidigt fühlte. Der Mann mag afrikanische Wurzeln haben, sein Wesen ist offenbar sehr deutsch. Er erstattete umgehend Anzeige gegen die Autorin und schon rollte die Empörungswelle an, unter reger Beteiligung der üblichen Verdächtigen aus dem Bereich des Profi-Antifaschismus. Mola Adebisi, von Beruf Ex-Viva-Moderator, nahm die Gelegenheit gleich wahr, um seine frühere Kollegin als ewige Rassistin zu entlarven und nebenbei festzustellen, dass sie so was „mit den Juden“ nicht hätte machen können. Dabei ist die inkriminierte Passage aus Kuttners Buch vorbildlich alltagsrassismuskritisch und alles andere als ein niveauloser Scherz auf Kosten schwarzer Menschen. Was auch sonst, Kuttner ist eine Künstlerin aus ur-linkem Elternhaus, die ihr Abitur am „John-Lennon-Gymnasium“ abgelegt hat, wer ernsthaft davon ausgeht, dass so jemand mir nichts, dir nichts in eine Schimpfkanonade über „N*****“ mit „Schlauchbootlippen“  verfällt, der muss schon arge Paranoia haben.

Das Bild das sich hier bietet ist besorgniserregend: Eine kurdischstämmige Journalistin wirft mit Nazisprech um sich, ein afro-deutscher Moderator laboriert an einem Judenknacks  und ein ehrpussliger Denunziant mit afrikanischen Wurzeln lässt die Polizei wegen  der Schilderung einer  Puppe ermitteln – die Behauptung, Menschen mit Migrationshintergrund würden unsere Gesellschaft bereichern, muss angesichts dieser Vorfälle wohl  ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Vielmehr scheinen sie unsere schlechten Eigenschaften penetrant zu reproduzieren.

Apropos schlechte Eigenschaften: Die PI-Pöbler und ihre Kumpane, die wegen Kiyak den Staatsanwalt bemühen, sollten lieber beschämt die Klappe halten. Die Kolumnistin ist eines ihrer liebsten Hassobjekte und wird in den einschlägigen Jauchegruben Tag ein Tag aus mit Dreck beworfen. Von daher ist es verständlich, wenn ihr angesichts eines pseudo-intellektuellen Leserbriefs, der „(fast) allen Muslimen“ in hochtrabenden Tonfall diverse Psychopathologien unterstellt, mal ein „flachgewichst“ rausrutscht.  Oder um es mit einem altdeutschen Sprichwort zu sagen: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es eben auch wieder heraus, liebe Rechtspopulisten.

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