Wie groß muss die Angst des Establishments sein, wenn es sich schon wieder vor Erscheinen des Buches auf den Autor einschießt, der eine provokante aber auch bedenkenswerte Hypothese aufstellt, dass Deutschlands Verhalten in Europa ohne die Verbrechen des NS-Regimes schwer vorstellbar ist. Da braucht man sich dann mit seiner Hypothese, dass der EURO vielleicht gar keine so gute Idee war, gar nicht erst auseinander zu setzen. 

“Ich habe Deutschland so gern, dass ich lieber zwei davon habe”. Dieses Zitat wird Margret Thatcher und Francois Mitterand gleichermaßen zugeschrieben. Wer es gesagt hat, ist egal. Es beschreibt die Geisteshaltung, die beide gegenüber der deutschen Einheit hatten. Schließlich war die Bundesrepublik kein vollständig souveräner Staat. Die Alliierten hatten das Land in vier Zonen aufgeteilt und konnten so auch halbwegs sicher sein, dass das zweite Demokratie-Experiment nach Weimar nicht wieder Angst, Schrecken, Gewalt und Tod über einen ganzen Kontinent bringt.

Auch die Nachkriegsgeneration, zu der der Südbadener Wolfgang Schäuble noch zählt, war geprägt von der deutschen Schuld und dem Bewusstsein, dass sich eine Katastrophe wie der zweite Weltkrieg nicht wiederholen würde. Als Mitterand und Kohl händchenhaltend in Verdun standen, waren sie sich beide immer noch nicht sicher, dass das mit der Erbfeindschaft endgültig gegessen ist.

Deutschlands Gewissen ist seit Jahrzehnten geprägt von der Erfahrung kollektiven Scheiterns. Und das ist gut so. Dass Resteuropa daraus gelegentlich Kapital schlägt, ist immer noch billiger als die Reparationszahlungen, die einst die Weimarer Republik in den Ruin treiben würden.

Merkels “Scheitert der EURO, scheitert Europa” entspringt genau dem Kohlschen Geist, der für den Frieden auf dem Kontinent auch die eigene Souveränität aufgeben würde. Mit einer Zentralregierung in Brüssel ist ein Krieg nicht mehr führbar. Dabei übersehen unsere Eurokraten, dass außer den Deutschen wohl kein Volk bereit wäre, seine Souveränität aufzugeben. Und auch das deutsche eigentlich nicht.

Sarrazin leugnet den Holocaust nicht. Er relativiert ihn nicht. Er beschreibt nur seine von ihm vermutete Auswirkung auf die deutsche Volksseele. Und er provoziert noch mehr Fragen:  Als die 68iger sich auf den Marsch durch die Institutionen machten, legitimierten sie das ausdrücklich mit dem Versagen der Vätergeneration im Dritten Reich. Und verpassten sich selbst damit eine moralisch begründete Immunität, mit der sich von der RAF bis zum palästinensischen Terror manches Verbrechen rechtfertigen lassen sollte. Der Generation, die uns in den Klassenzimmern und Hörsälen erstmals begegnete und später in Schröders Kabinett, war der gestreckte Zeigefinger festgewachsen. Und sie übersahen, dass die anderen vier Finger auf sie selbst zeigten.

“I want my money back” sagte einst Margret Thatcher und kriegte es. Die Chuzpe fehlt uns und so werden wir am Brüssler Tisch regelmäßig ausgespielt. Unsere Unsicherheit resultiert auch aus der Tatsache, dass die von Sarrazin angestoßene Diskussion um die Geschichte nicht ernsthaft geführt wird. Deshalb führt sich die Erregungsgesellschaft von Sarrazin getroffen.

Heute abend schaue ich Jauch. Sarrazin gegen Steinbrück. Das wird lustig.

 

 

 

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