Nehmen wir die Bibel. Oder den Koran. Egal. Irgendwann wurden sie geschrieben. Von Menschenhand. Und weitergegeben. Ganze Klöster waren Jahrhunderte lang damit beschäftigt, zu kopieren. Von Hand. Lesen und schreiben konnte kaum einer. Man musste glauben, was der Pfarrer von der Kanzel predigte. Dann kam Gutenberg.
Die Druckerpresse gefährdete das Geschäftsmodell der katholischen Kirche: Die Rationierung von Wissen machte den Glauben stark. Und schuf mit der Protestantischen gleich einen wirksamen Wettbewerber.
Die einzelne Bibel war aber nur noch einen Bruchteil dessen wert, was sie einst gekostet hatte. Weil es durch preiswertere Produktion mehr davon gab.
Erstmals war es möglich, menschliches Wissen ausserhalb des eigenen Körpers nicht nur zu speichern sondern auch zu reproduzieren und zu verbreiten. Das Ergebnis war das Ende des Mittelalters und der Anfang der Aufklärung. Weil mehr Menschen mehr wussten, sank der absolute Wert der einzelnen Einheit.
Die zweite Stufe war die Erfindung des Telegraphen. Er ermöglichte die schnelle Verbreitung des Wissens, ohne dass es physisch mit dem Schiff, der Postkutsche oder der Eisenbahn transportiert werden musste. Das war der Ursprung der Globalisierung, die nicht mit dem Internet begann sondern bereits mit dem Telefax-Gerät ihren Durchbruch fand. Obwohl auch hier die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt stieg, sank der Wert jeder einzelnen Einheit des Wissens. Weil es mehr Menschen teilen konnten. Jetzt auch überall.
Die dritte Stufe zündet mit Konrad Zuse. Der Computer erlaubte erstmals die Verarbeitung von Wissen außerhalb des menschlichen Körpers. Die erfolgt zwar ausgesprochen schematisch und ist stets auf die zwei Ziffern der digitalen Welt zurück zu führen, 0 und 1, hat aber insbesondere die Produktion des Wissens massiv beschleunigt.
Gleichzeitig führte das vereinfachte Kopieren von audiovisuellen Inhalten genauso zur Wertminderung von geistiger Leistung: Schon in den Siebzigern sassen wir mit dem Compact-Cassettenrekorder und Mikrofon vor dem Radio und lauschten andächtig Mal Sundlock (oder so ähnlich) von der WDR-2 Hitparade und drückten stets auf die Aufnahmetaste, wenn das Lied begann. Den ersten Video-Rekorder kauften die Eltern zur Olympiade 1984. Das Unteroffizierskorps des Wachbattallions in Bonn nutzte damals die Belagerung des Verteidigungsministeriums, um im Wachlokal mit den mitgebrachten VHS-Rekordern die gegenseitige Pornosammlung im 24-Stunden-Takt zu kopieren. Heute ist die 250 GB große Festplatte noch mit Tatort-Folgen von 2010 gefüllt, die ich mir nie mehr anschauen werde.
So ergeht es den Gigabyte-gefüllten MP3-Player, Festplatten, I-Pods und I-Phones. Gehört werden die Inhalte so gut wie nie. Der Wert und damit der Preis, den der “Nutzer” für sie zu zahlen bereit ist, bemisst sich danach. Er tendiert gen Null.
Trotzdem machen die Villengegenden rund um Hollywood nicht den Eindruck der beschleunigenden Verslummung. Die Gagen, die den Filmschauspielern geboten werden, machen nicht den Eindruck, ob die chinesischen Raubkopierer das Geschäftsmodell der Traumfabriken gefährden könnten. Auch Madonna und selbst Tim Betzko sind kein Fall für das Sozialamt, obwohl wahrscheinlich mehr “Raubkopien” ihrer Hits im Umlauf sind als Originale.
Der letzte Schritt bei der Entwertung des Wissens ist ökonomisch gesehen das Internet. Sein Wert steckt in der Vernetzung der künstlichen Wissensverarbeitung: der Vernetzung nicht von Menschen sondern von Maschinen, die Wissen speichern, reproduzieren und außerhalb des Hirns verarbeiten können.
Die Bedrohung der Geschäftsmodelle der analogen Kulturwirtschaft ist also keine technologische sondern ökonomisch begründet. Weil immer mehr von ihren Produkten überall verfügbar sind und diese auch einen vergleichbaren Nutzen entwickeln, ist der Konsument nicht länger bereit, den Preis einer von Hand kopierten Bibel zu bezahlen.
Dagegen versuchen sich die Produzenten und vor allem die Distributoren mit Hilfe des Urheberrechtes zu wehren. Dabei handelt es sich in der Konsequenz aber nicht um den Versuch, sein Eigentum zu schützen. Sondern um den Versuch, mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols einen höheren Preis zu erzielen, als der Nutzer ohne das Recht zu zahlen bereit ist. Und um die Gesetzesmässigkeiten eines analogen Distributionsmodells auf die digitale Welt zu übertragen.
Der technische Fortschritt macht es nun immer schwerer, dieses Recht durchzusetzen. Darauf hat David Harnasch hingewiesen. Mit Hilfe von mathematischen Verfahren versuchen die “Rechteinhaber” (die bezeichnenderweise nicht Eigentümer heißen), den unberechtigten Nutzern auf die Schliche zu kommen und versagen dabei, weil Recht, Verbreitung und Technik nicht zusammen passen.
Eine vollständige Kontrolle des Nutzungsverhalten scheitert am technischen Fortschritt, der immer neue Lösungen hervorbringen wird, die Kontrolle zu umgehen und an der schieren Zahl der Nutzer. Sie ist damit verbunden, dass der Staat alles über das Verhalten des einzelnen Nutzers mit seinem Gewaltmonopol kontrollieren würde. Auch wenn er vermutlich daran scheitern wird, ist diese Vision wenig wünschenswert.
Die Lösung des Problems liegt nicht nur in veränderten Geschäftsmodellen. Sondern schlicht und einfach in niedrigeren Preisen. Die müssen berücksichtigen, dass die digitale Verbreitung viel weniger Kosten für beide Seiten, Nachfrager und Anbieter, verursacht. Und dass die Herstellung und Verbreitung von Inhalten heute nach Inflation einen Bruchteil der Kosten verursacht wie die digitale Verbreitung.
Das zeigt der I-Tunes-Store exemplarisch. Weil viele Nutzer bereit sind, die geforderten 99 Cent pro Lied zu bezahlen, kommt ein Verkauf zustande – ohne Zwang. So liegt die Lösung des Problems einfach zum Geschäftsmodell.
Fazit: Die Herstellung und Entwicklung von Wissen und Inhalten jeder Art ist exponentiell preiswerter geworden. Die Menge geistiger Güter ist gleichzeitig überproportional gestiegen und das Angebot eines ehemals knappen Gutes übersteigt deFacto nicht nur die Nachfrage sondern den nutzbaren Bedarf. Man kann also von der Inflationierung der Information sprechen.
Dazu trägt auch die ebenfalls massive Kostensenkung der Reproduktion und Distribution bei. Deshalb sinkt die Bereitschaft der Nachfrager, die teuren Kosten der einst analogen Distribution zu bezahlen.
Ein entscheidender Faktor bei diesen Geschäftsmodellen kommt den Inhalten zu, die der Nutzer eigentlich nachfragt: Man nennt sie hinlänglich Werbung. Während sich die Einschaltung von TV-Werbung nach dem Nutzungsverhalten von ein paar Tausend Menschen/Haushalten richtet, die von der GfK dafür bezahlt werden, dass sie neben dem Knopf der Fernbedienung einen zweiten drücken, der ihr Verhalten registriert, können wir Verbraucher mittlerweile viel zielgenauer angesprochen werden, weil wir im Internet Spuren hinterlassen, die mit Hilfe von mathematischen Modellen Schlüsse auf unser Alter, unser Geschlecht, unsere Vorlieben und unsere Bedürfnisse zulassen.
Damit kann Werbung viel zielgenauer gesteuert werden. Und durch die Vermeidung des Streuverlustes wird die einzelne geschaltete Werbung wertvoller, weil der Hersteller mit einer höheren Wahrscheinlichkeit seine tatsächliche Zielgruppe erreicht.
Das Geschäftsmodell in der digitalen Welt lässt sich also wie folgt zusammen fassen: Erstens sinken die Kosten für den Hersteller bei Produktion und Distribution, zweitens kann er bei niedrigem Preis die Stückzahl steigern und seinen Verdienst durch höhere Produktion ebenfalls erhöhen. Drittens kann er seine Inhalte kostenlos oder preiswert bereit stellen, wenn er seine Inhalte so anbieten kann, dass sie kaufkräftige Zielgruppen erreichen.
Zuguterletzt zählt die Qualität. Die einzigen Bezahlmodelle, die im Bereich der Online-Medien funktionieren, sind die Financial Times und das Wall Street Journal. Und das liegt an ihrer Qualität und der Exklusivität der Information. Und nicht am Urheberrrecht.






4 comments
Comments feed for this article
19. May 2012 at 17:30
robinmcbeth
Zustimmung bis auf einen Punkt: Niemand hat ein Problem mit den Konsumenten, die sich entscheiden, weniger zahlen zu wollen. Die werden, sollten sie die Preise des einen Anbieters nicht zahlen wollen, sicherlich bei der Konkurrenz fündig, oder aber, ich senke meine Preise und hoffe auf höhere Nachfrage. Das Problem ist die Selbstverständlichkeitsmentalität jener Menschen, die es als ihr Grundrecht ansehen, alles zur
19. May 2012 at 17:34
robinmcbeth
Verfügung zu gestellt bekommen, ohne IRGENDEINE Form der Gegenleistung zu erbringen. Über Preise kann man verhandeln, über die Vorstellung, für Konsum nicht zahlen zu müssen, nach unserem Rechtsverständnis glücklicherweise nicht. Und die Haltung, dass irgendjemand schon zahlen wird, stößt mir als parasitär äusserst auf.
20. May 2012 at 12:16
Hestia
Dass das Geschäftsmodell bei Wall Street Journal und Financial Times funktioniert, liegt m.E. nicht nur an Qualität und Exklusivität, sondern auch an ihrer zwar relativ kleinen, aber sehr besonderen Zielgruppe. Das sind überwiegend Leute, die mit ihrer Arbeit Werte schaffen und nicht nur konsumieren bzw. vom Staat alimentiert werden – Leute, denen die Umsonst-Mentalität der Piraten-Generation vollkommen fremd und vermutlich sogar unsympathisch ist.
1. June 2012 at 15:48
Andreas Moser
Ich finde, daß der Urheber eines Textes oder Filmes verlangen kann was er will. Als Konsument habe ich kein Recht auf einen günstigen oder mir angenehmen Preis, da ich auch keinen Anspruch auf das Werk habe. Ich habe doch keinen “Anspruch” darauf, jeden Film im Kino zu sehen oder jedes Buch zuhause zu haben. Auf andere Güter gibt es ja auch keinen Anspruch, wenn ich sie mir nicht leisten kann.
(Mehr dazu: http://mosereien.wordpress.com/2012/06/01/urheberrecht-erbrecht-schutzfristen/ )