Mittlerweile wird im Netz kolportiert, Joachim Gauck habe eine “ungeklärte Stasi-Vergangenheit” und sei von den Widerlingen als “begünstigte Person” geführt worden. Das lege das von einem Stasi-Hauptmann formulierte “Terpe-Papier” – ein Besuchsbericht im Jahre 1988 nahe. Doch die Vorwürfe halten einer sachlichen Überprüfung nicht stand. Das belegt ein offensichtlich umfangreich recherchierter Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2000.

A. Umfeld

Öffentlich gemacht wurden die Vorwürfe von Peter Michael Diestel, Rechtsanwalt und letzter Innen-Minister der DDR in der Regierung deMaiziere, die nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 ins Amt kam.

Diestel stützt seine Behauptungen auf Wolfgang Schnur, in der DDR Rechtsanwalt und seit 1965 inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, der sich häufig über Aufträge der evangelischen Kirche freuen durfte. Schnurs Vertrauenspersonen waren der ebenfalls bei der Stasi geführte Clemens dé Maiziere (Vater von Lothar und Onkel des heutigen Bundesminister der Verteidigung) und Hans Kasner (Vater der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel), der einst aus dem Westen nach Brandenburg gekommen war, um den christlichen Glauben mit der sozialistischen Ideologie zu versöhnen.

Schnur spielte seine größte Rolle als Vorsitzender des demokratischen Aufbruchs,  wo Angela Merkel als Pressesprecherin ihre politische Karriere begann, bevor sie stellvertretende Regierungssprecher der Regierung de Maiziere wurde.

Diestel war nicht Teil einer Verschwörungstheorie sondern hatte offensichtlich mit Gauck noch ein paar Rechnungen offen. Diestels Kanzlei hatte sich auf die Vertretung von ehemaligen IM und auch von früheren DDR-Sportlern mit Doping-Vergehen spezialisiert und dürfte daher einige Rechnungen mit Gauck und seiner Behörde offen gehabt haben.

B. Rechtliche Auseinandersetzung vor dem Landgericht Rostock

In diesem Zusammenhang wird immer wieder ein Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Rostock gehandelt. Gauck hatte Diestel seine Aussagen verbieten wollen. Dies gelang auch zunächst auf dem Wege der einstweiligen Anordnung. In der Hauptsache haben sich Diestel und Gauck auf Anregung des Gerichts gütlich geeinigt.

Wie aus einem Statement der Vorsitzenden Richterin hervorgeht, ging es im Verfahren jedoch nicht, ob Diestels Aussagen richtig waren. Deshalb waren die zahlreichen eidesstattlichen Versicherungen von so gut beleumundeten Menschen wie Schnur und Terpe auch gar nicht Gegenstand des Verfahrens. Gegenstand des Verfahrens war vielmehr, ob die in einem Freitag-Artikel erhobenen Vorwürfe von der Meinungsfreiheit gedeckt sind oder nicht. Trotzdem wurden sie von Seiten Diestels nie wiederholt.

C. Die gegen Gauck erhobenen Vorwürfe

C.1. “Säuberung der Akte”

Die Welt berichtete, Gauck habe im Jahr 1991 Gelegenheit gehabt, seine Akte ohne Zeugen einzusehen und damit ergibt sich die Unterstellung, er habe sie säubern können. Was er wohl nicht getan hat.
* Der Spiegel Artikel stellt fest, dass die Akte vollständig gewesen sei – im Jahr 2000.

* Der Bericht des Stasi-Hauptmann Terpe war offensichtlich bekannt und wohl auch Teil der Akte.

* Gauck musste wissen, dass das “Säubern” der eigenen Akte sinnlos war, weil Spitzelberichte, die er verfasst haben sollte oder Protokolle ja nicht nur in seiner Akte gesammelt wurden sondern sich ebenfalls in den Akten der “Opfer” zu finden war.

* Wenn Gauck seine Akte hätte säubern können, dann hätte er den “Terpe-Bericht” doch wohl ebenfalls verschwinden lassen.

C.2. Der TERPE-Bericht

Der Jugendpfarrer Gauck war federführend mit der Organisation und Durchführung des Kirchentages 1988 in Rostock betraut. Hierzu wird aus den Spitzelberichten des IM der in der Bezirksverwaltung mit Kirchenfragen zitiert, aus denen sich kein Anhaltspunkt für Regimetreue und eine Kooperationsbereitschaft mit der Stasi ergibt.

Tatsächlich gibt es einen “operativen Vorgang” über Gauck, was nichts anderes heißt, als dass mehrere IM angehalten waren, über sein subversives Treiben zu berichten.

Nach Abschluss des Kirchentages kam es zu dem Besuch Terpes in Gaucks Wohnung, was für das damalige Vorgehen der Stasi nicht ungewöhnlich ist. Alle weiteren Vorwürfe gegen Gauck resultieren aus bruchstückhaften Zitaten und subjektiven Feststellungen des Stasi-Hauptmanns. Gauck ist das Protokoll seinerzeit sicherlich nicht zur Genehmigung vorgelegt worden.

Es ist m.E. auch schwer vorstellbar, dass Gauck mit dem Stasi-Hauptmann offen gesprochen hat und seine tatsächlichen Auffassungen formuliert hat. Es wird sicherlich angenehmere Gesprächspartner gegeben haben, denen man seine Meinung mitteilen konnte und wo das auch zweifelsfrei mit weniger möglichen unangenehmen Konsequenzen verbunden war.

Wie und warum Terpe zu dem Eindruck kommen konnte, Gauck sei als IM zu gewinnen und deshalb empfahl, ihn als begünstigte Person zu führen, bleibt sein Geheimnis. Den einzigen Vorwand den Gauck ihm dafür gab, war die Zusage, auf Ausreisewillige einzuwirken, im Land zu bleiben. Eine Meinung, die Gauck selbst bei seinen eigenen Söhnen vertrat.

Es ist überhaupt nicht auszuschließen, dass die Stasi versucht hat, Gauck mit Vergünstigungen gefügig zu machen und etwa dessen Söhne gegen seinen Willen ausreisen und anlässlich einer Familienfeier wieder einreisen zu lassen. Das gilt auch für ihn selbst. Kirchenleute hatten es leichter, weil man hoffte, dass sie ihre Schäfchen verrieten und im Westen blieben. Den Gefallen tat Gauck ihm nicht.

C.3. Der Phantom-VW Bus

Immer wieder wird behauptet, die STASI habe Gauck für seine Spitzelberichte einen VW-Bus zukommen lassen. Es gibt nicht einmal einen Beleg für die Existenz eines VW-Busses. Es gibt keinen einzigen Spitzelbericht über Gauck sondern nur Protokolle über zwei direkte Kontakte in den Jahren 1985 und 88. Und das bei einer “Behörde”, die sich von ihren Zuträgern jeden Judaslohn auch schon in Höhe von 50 Ost-Mark quittieren lies.

An Gaucks “Stasi-Vergangenheit” besteht kein Zweifel: Er hat keine. Darin unterscheidet er sich übrigens nicht nur von Schnur, sondern auch von Gysi, Stolpe und deMaiziére, die mit der Abteilung “Horch und Guck” tief verstrickt gewesen sind.

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