Heute im Bundestag hat der amtierende Bundespräsident seine tragende Rolle gefunden. Er stützte gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Vosskuhle den Hauptredner der heutige Gedenkstunde der Opfer des Nationalsozialismus auf dem Weg zum Rednerpult. Und schwieg. Von den Saaldienern war er nicht wirklich zu unterscheiden. Marcel Reich-Ranicki sprach mit schwacher Stimme eindrucksvoll und schilderte seine Lage im Warschauer Ghetto und die Verbrechen, die deutsche nicht nur gegen die Menschlichkeit sondern gegen Millionen von Menschen begingen.

Ich wollte den Namen Wulff hier nicht mehr lesen. Weil ich die unappetittlichen Skandälchen, mit denen die Bild-Zeitung ihr Mütchen kühlt, für eigentlich nicht erwähnenswert halte, auch weil sich vergleichbares über nahezu jedes Mitglied der politischen Klasse aus dem Halbdunkel befördern ließe. Säulenheilige, die den kleinsten Versuchungen der Vorteilsnahme widerstehen, lassen sich hinter den Panzerglasscheiben der mit 35% Behördenrabatt ausgelieferten Dienstlimousinen selten finden.

Das ändert nichts daran, dass Reich-Ranicki seine Stütze mit seiner Rede bloß stellte. Durch persönliche Integrität, die Autorität eines Charakters, der den deutschen Literaturbetrieb über Jahrzehnte prägte und dem deutschen Volk die Größe der Vergebung zeigte, weil er unsere Sprache so liebt. Das ist nicht nur eine Frage des Alters oder der Erfahrung.

Sondern eine des Charakters und der Persönlichkeit. Die reicht bei Wulff nur bis zum Rednerpult. Das zeigten auch die gemessenen Worte des Bundestagspräsidenten Lammert. Und jeder Auftritt des Ex-Kandidaten Gauck belegt, dass das politische Establishment einen der ihren zum Präsidenten gemacht hat, dessen persönliche Eignung allenfalls in seiner  bescheidenen Durchschnittlichkeit besteht.

Wenn er demnächst wieder redet, wird es nicht stören. Schweigt er, fällt es auch nicht auf. Jede Nation bekommt die politische Klasse, die es verdient.

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