„Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.“, so tönte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder auf dem Leipziger Parteitag 2011 und betätigte sich damit als Brandbeschleuniger eines derzeit auflodernden anti-deutschen Lauffeuers in der gesamten Europäischen Union, das sich an den als hart empfundenen Sparvorstellungen Deutschlands in der europäischen Schuldenkrise entzündete. Schon vor dieser Äußerung von bemerkenswerter diplomatischer Feinfühligkeit zogen griechische Demonstranten mit EU-Flaggen durch die Straßen Athens, die ein Hakenkreuz im Sternenkranz zeigten. Die britische Regierung macht mehr denn je keinen Hehl daraus, glücklich darüber zu sein, dass Großbritannien nicht der Eurozone angehört und als Euromitglied möglicherweise unter deutsche Hegemonie geraten wäre. In Frankreich kritisierte die politische Linke die „politique bismarckienne“ der „eisernen“ Bundeskanzlerin, mit der sie deutschen Interessen beim letzten EU-Gipfel im Dezember 2011 zum Durchbruch verhalf.
Hieß es bisher, der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy habe sich in der europäischen Schuldenkrise stets gegenüber der deutschen Bundeskanzlerin durchgesetzt, so bot der letzte EU-Gipfel ein anderes Bild. Die deutsche Stabilitätskultur trug zumindest auf dem Verhandlungspapier einen Sieg davon. Nun ist vorgesehen, gesetzliche Schuldenbremsen in allen Mitgliedstaaten der Eurozone zu verabschieden. Defizitverfahren gegen Haushaltssünder beginnen künftig automatisch bei Verstoß gegen die Vorgaben des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts und können nur mit qualifizierter Mehrheit im Rat der EU-Finanzminister gestoppt werden. Eurobonds sollen vorerst nicht eingeführt, der Europäische Rettungsschirm vorerst nicht aufgestockt werden. Lediglich mit der Forderung, ein Insolvenzverfahren nach klaren Regeln mit zwingender privater Gläubigerbeteiligung einzuführen, konnte sich Deutschland nicht durchsetzen. Es soll weiterhin im Einzelfall über Staatsinsolvenz entschieden werden.
Wie konnte es dazu kommen, dass Deutschland so weitreichende Forderungen gegenüber den europäischen Partnern umsetzen konnte? Die Erklärung ist einfach: Diesen steht spätestens nach der jüngsten Herabstufungsorgie von Standard & Poor’s das Wasser bis zum Hals. Frankreich verlor seine Bonitätsnote AAA, eine Schmach für die „Grande Nation“. Die Bonität weiterer Staaten, darunter die für den Erhalt der Eurozone systemisch wichtigen Länder Italien und Spanien, wertete S&P sogar um zwei Stufen ab. Nur Deutschland behielt sein AAA mit stabilem Ausblick. Es ist ein historisches Gesetz, dass Staaten, die ein großes ökonomisches Gewicht auf die Waagschale werfen, auf internationaler Bühne einflussreicher verhandeln können. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler zählt unter Rückgriff auf eine Typologie des Soziologen Michael Mann das ökonomische Gewicht zu einem von vier Grundpfeilern, auf die Imperien ihre Macht gründen. Diese lauten: Ökonomische Potenz, politischer Einfluss, militärische Macht und ideologische Sendekraft nach innen wie nach außen. Vieles spricht daher dafür, die Bundesrepublik Deutschland als das neue Zentrum des europäischen Imperiums, der Europäischen Union, zu bezeichnen. Spätestens seit der Herabstufung Frankreichs kann die „Grande Nation“ nicht länger auf Augenhöhe mit Deutschland verhandeln, weil ihr das ökonomische Gewicht fehlt. Damit hat sich der Schwerpunkt der Macht innerhalb der EU von einem imaginären Punkt zwischen Paris und Berlin nach Berlin verschoben.
Genau dies scheint einigen Politikern in Berlin bereits zu Kopf gestiegen zu sein, wie die törichte Aussage Volker Kauders unterstreicht. Zu Recht warnt Altbundeskanzler Helmut Schmidt daher vor „schädlicher deutschnationaler Kraftmeierei“ – um schließlich der deutschen Politik zu empfehlen, genau den Weg weiter zu gehen, der Deutschland erst in diese gefährliche Rolle in der EU gedrängt hat. Weiterhin soll der deutsche Steuerzahler die Schuldenmacherei insbesondere in Südeuropa durch immer größere Rettungssummen befeuern. Weiterhin soll die „No-bailout-Klausel“ mit Füßen getreten werden, die bis 2010 verhinderte, dass sich einige wenige Mitglieder der Eurozone über andere erheben konnten. Es liegt auf der Hand: Hätte Deutschland sich von vornherein geweigert, Schuldenländer mit Rettungsmilliarden herauszupauken, hätte es sich vielleicht zunächst unbeliebt gemacht. Aber es wäre niemals in die gefährliche Situation geraten, als neue europäische Hegemonialmacht dazustehen, die anderen nationalen Parlamenten Hausaufgaben aufgibt und sich damit über den Volkswillen der Spanier, Italiener oder Griechen hinwegsetzt. Eine solche Anmaßung steht Deutschland im Lichte seiner Geschichte nicht gut zu Gesicht. Die Parole „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ hat die Deutschen und Europa schon einmal ins Verderben geführt. Vor diesem Hintergrund muten Äußerungen wie die von Volker Kauder wie geschichtsvergessener Neo-Wilhelminismus ohne Säbelrasseln an.
Deutsche Interessen auf internationaler Bühne durchzusetzen ist legitim. Aber es liegt auch im deutschen Interesse, weiterhin international geachtet und respektiert zu sein. Der jetzige Weg der deutschen Schulmeisterei ist daher falsch. Deutschland sollte durch Vorbild führen – nicht durch Sparauflagen – und so das deutsche Modell der Freien und Sozialen Marktwirtschaft bewerben. Selbstbewusst, aber nicht herrisch. Vorbild gebend, aber nicht belehrend. Getreu den Zeilen aus Hoffmann von Fallerslebens Gedicht: „ So ist es gut, so ist es recht, Niemandes Herr, Niemandes Knecht!“






6 comments
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25. January 2012 at 10:50
robert
durch vorbild führen… damit sind exklusiv deutsche steuergelder gemeint, n`est-ce pas?
25. January 2012 at 11:39
hayekianer
Non, Deutschland sollte ein gutes Vorbild abgeben, indem es selbst konsequenter spart und Strukturreformen umsetzt. Gleichzeitig sollte es die anderen Länder der Eurozone sich selbst überlassen (siehe Mitte vierter Absatz).
25. January 2012 at 20:10
robert
durch gutes beispiel mit etwas führen, dass noch nicht einmal am horozont absehbar ist? nun gut, zumindest in dem punkt, die anderen nicht zu bevormunden , gehen wir d’accord. habe es so gelesen, als sollte deutschland zahlen und ansonsten die klappe halten.
26. January 2012 at 14:53
arkadi
Es wird Deutsch gesprochen weil in Deutschland die Männer hart und viel arbeiten und all das Geld erwirtschaften – oder das Vertrauen der Finanzmärkte erarbeiten. Deutschland ist die letzte Industrienation in Europa, klar wollen die Grünen sie abschaffen, würd mich nicht wundern wenn China und Indien hinter diesen Gruppierungen stehen würden.. (In GB ist Tata recht mächtig, das ist eine Indische Industriegruppe – der Chef der Klimaschutzkirche ähh UNO-Klimakonferenz ist mit denen verbandelt.
arkadi
26. January 2012 at 17:18
Sophist X
Also soll Deutschland Vorbild sein. Das war es über Jahrzehnte. Und dieses Vorbildsein hat ja wirklich super funktioniert, wie man rund herum sehen kann.
1. February 2012 at 15:56
Karsten
“Hätte Deutschland sich von vornherein geweigert, Schuldenländer mit Rettungsmilliarden herauszupauken”
Das waere eigentlich oekonomisch klug gewesen. Allerdings nicht bei der derzeitigen Konstruktion der EWU. Hellas war auch 2010 schon hoffnungslos ueberschuldet und null wettbewerbsfaehig. Der Economist hat bereits damals zu recht darauf hingewiesen, dass ein Schuldenschnitt nicht zu umgehen ist. Die Rettungsmilliarden, allesamt Kredite (noch hat Deutschland ueberhaupt kein Geld verloren) haben diese Agonie nur herausgezoegert. Die Sparpolitik, die man den Griechen aufgezwungen hat, hat die Agonie noch verschlimmert. Im Grunde hat man einem Einbeinigen eine Kruecke in die Hand gedrueckt, nur um ihm direkt danach das andere Bein wegzutreten.
Man sollte nun bedenken, dass Merkel diese Rettungsmilliardenkredite v.a. deshalb rausgegeben hat, weil so die deutschen und franzoesischen Privatbanken entlastet werden konnten. Die Bundeskanzlerin hat dem deutschen Steuerzahler die faulen Kredite der Griechen aufgebuerdet. Allein dafuer gehoert die Frau eigentlich schon vor Gericht gestellt.
Das Problem ist nun, dass die damalige Weigerung Griechenland zu retten zur Folge gehabt haette, dass das Land unkontrolliert pleite gegangen waere und gleichzeitig in Spanien und Italien schon damals die Zinsen in die Luft gesprungen waeren (letztlich sprangen die als klar wurde, dass ueber die Privatglaeubigerbeteiligung eine Umschuldung anstand). Die No-Bailout-Klausel mag politisch huebsch sein, in einer Waehrungsunion macht sie oekonomisch keinen Sinn. Die Abhaengigkeit dieser Laender von einer Fremdwaehrung, die sie nicht kontrollieren koennen, laed geradezu dazu ein, auf ihren Bankrott zu spekulieren.
Die Loesung waere 2010 gewesen, Griechenland sofort umzuschulden. Die deutschen und franzoesischen Institute haetten das entweder verkraftet, oder ihre Pleite haette dazu genutzt werden koennen, sie ordnungspolitisch umzustrukturieren, sprich: zu zerschlagen. Fuer alle anderen Laender haette man statt der in den Untergang fuehrenden selbstverstaerkenden Sparpolitik eine grundsaetzliche Garantie ausgeben sollen. Sprich: die EZB nimmt schon am Primaermarkt direkt auf die Zinsen Einfluss. Zur Not also Aufkauf der Staatsanleihen (indirekt passiert das schon heute, aber ohne grosse Garantie ist das nur halb so effektiv und dafuer doppelt so teuer) wie es in Amerika, Japan, Grossbritannien, Schweden, etc.. passiert.
Die Eurokrise ist loesbar. Daran sollten wir immer denken, wenn wir betrachten wie diese Stuemperkanzlerin alles verstolpert und Deutschlands Bild in Europa in den Dreck zieht.