Die gute Nachricht zuerst: In der ZEIT erfahren wir heute, dass die Aufarbeitung der schlimmsten rechtsterroristischen Mordserie, die dieses Land je gesehen hat, bereits zwei Monate nach Aufdeckung derselben so gut wie abgeschlossen ist.

Seitdem ist viel geschehen. In den Sicherheitsbehörden, die sich einen katastrophalen Blackout geleistet hatten, und in der Politik, die Versäumnisse aufklären will.

Puh, da bin ich aber erleichtert! Obwohl ich mich zu erinnern meine, dass sich manche Behörden weitaus mehr als einen „Blackout“ geleistet haben.

 Begriffe wie aktive Mithilfe oder Vereitelung der Strafverfolgung kommen einem da eher in den Sinn. Aber das ist Frank Jansen von der ZEIT herzlich egal, denn er hat bereits die wahren Schuldigen im Visier:

Aber hat sich auch die Gesellschaft an sich gewandelt? Wo stehen wir heute, zehn Wochen später, mit dem Blick auf Fehler bei Polizei und Verfassungsschutz – und auch bei uns selbst?

Die Antwort folgt prompt: Die „Gesellschaft“ – das sind wir – zeigt einen „beklagenswerten Mangel an öffentlichem, nicht staatlich vorgegebenem Mitgefühl für die Opfer der Anschläge und die Angehörigen“. Jessen vermisst „Lichterketten“ und einen „Aufschrei gegen rechte Gewalt“, als ob diese hilflosen Gesten aus dem Repertoire der Dauerbetroffenen irgendeinen Eindruck auf rechtsradikale Mördermenschen vom Schlage der NSU-Sympathisanten machen würden.

Die Frage ist also nicht, wie es drei vagabundierenden Schulabbrechern gelingen konnte, über zehn Jahre mordend, raubend und bombend eine Blutspur durch Deutschland zu ziehen, obwohl Mundlos, Böhnhardt und Zschäppe bereits zur Fahndung ausgeschrieben waren. Die Frage ist auch nicht, warum viele Verfassungsschützer und Polizisten geschlampt und einige sogar gezielt andere ermittelnde Behörden getäuscht und  so eine Festnahme verhindert haben. Die Frage ist schon gleich gar nicht, warum bis heute kein Politiker oder Behördenchef zurückgetreten ist und warum keiner der Beamten und V-Leute, die im Verdacht der Beihilfe zum Mord stehen, in U-Haft sitzt. Nein, die Frage die den Hofberichterstatter von der ZEIT umtreibt lautet: Warum gibt es eigentlich keine Lichterketten?

Nun vermutlich deswegen, weil selbst die naivsten Bessermenschen erkannt haben, dass ein „Kampf gegen Rechts“  nicht zu gewinnen ist, wenn er gegen die staatlichen Behörden geführt werden muss. Engagierte Bürger können gegen Naziaufmärsche demonstrieren oder in Jugendzentren Antirassismusprojekte anregen, aber sie können keine bis an die Zähne bewaffnete Terrorbande stoppen, die von staatlichen Stellen gedeckt wird. Die Morde der Zwickauer Zelle sind, anders als die pogromartigen Ausschreitungen Anfang der 1990er Jahre, kein Problem der deutschen Gesellschaft. Die wusste ja bis vor ein paar Wochen noch nicht einmal um die Hintergründe und Zusammenhänge zwischen den unzähligen Gewalttaten der NSU. Diverse Behörden, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte Leib und Leben der Menschen in diesem Land zu schützen,  hatten da schon eher eine Ahnung. Ob die Politiker, in deren Verantwortungsbereich diese Stellen fielen, einfach nur schlecht gearbeitet haben und deswegen ahnungslos blieben, oder tiefer in den Sumpf aus braunen V-Männern und inkompetenten Staatschützern involviert waren werden wir wohl nie erfahren, denn die Regierungsmietmäuler in Diensten der Leitmedien versäumen standhaft kritische Nachfragen in diese Richtung. Nur Wochen nach der Aufdeckung des braunen Terrornetzwerks debattiert  man lieber ausführlich über semantische Fehlleistungen in den eigenen Reihen, als das Versagen unserer Inlandsgeheimdienste unter die Lupe zu nehmen.

Nicht umsonst wird bereits im ersten Satz des Artikels die Trias „Politik, Behörden und Medien“ genannt, der dann die vermeintlich unaufgeklärte und latent gefährliche „Gesellschaft“ gegenüber gestellt wird. Wenn es drauf ankommt, dann halten Amts- und Redaktionsstuben, Politikgestalter und Medienschaffende im Namen des Machterhalts zusammen. Kleinere Scheingefechte, wie das Gezeter um die Kreditmodalitäten von Christian Wulff, suggerieren investigativen Journalismus, wo doch nur Kumpanei zwischen den Mächtigen und ihren angeblichen Kontrolleuren  ist. Bei den wirklich wichtigen Themen wie dem Euro-Rettungswahnsinn, der umweltpolitisch törichten und volkswirtschaftlich schädlichen Energiewende oder der tödlichen Nähe zwischen Verfassungsschützern und Verfassungsfeinden gucken unsere Qualitätsmedien lieber gezielt in die andere Richtung. Man will ja nicht aus Versehen den Rubikon überschreiten, sonst ist in der Kanzlermaschine nächstes Mal kein Platz mehr frei.

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