Als ich dieses hässliche Plakat  zum ersten Mal sah hatte ich ehrlich gesagt gehofft, dass es deswegen noch knallen würde. Zwar bin ich als überzeugt Liberale dafür, dass Schauspieler das Recht haben sich Schuhcreme ins Gesicht zu schmieren oder –  im Falle Didi „Palim, Palim“ Hallervordens  –  ihre faltige Visage überlebensgroß in Berliner Bahnhöfen auszuhängen. Aber es wäre dann doch ganz schön wenn ihnen jemand sagt, wie dämlich das ist. Ich muss zugeben, mittlerweile bereue ich meinen frommen Wunsch ein bisschen. 

So sehr ich jeden Menschen verstehen kann der  – völlig unabhängig von seiner Pigmentierung  – diese grimassierende Karikatur eines Menschen mit schwarzer Hautfarbe abstoßend findet, so wenig gefällt mir die Hysterie der antirassistischen EmpörungsspezialistInnen, die jetzt im Netz  verbal Amok laufen, das vierte Reich an die Wand malen,  und sich dabei vorzugsweise des Deppen-Jargons der „kritischen Weisheitsforschung“ befleißigen.  Herr Hallervorden ist ein unsensibler Komiker von Vorgestern, aber das ist keine Rechtfertigung für obsessives Gehitlere oder die Verwendung von Schwachsinnsbegriffen wie „weiße Hetero-Cis-Männer“.

Interessant ist allerdings, dass AntiRa-Strumtrupps zum wiederholten Mal Bessermenschen ins Visier nehmen. „Ich bin nicht Rappaport“  kann durchaus als politisch korrekte Herzensbildung gelten. Zwei Senioren, einer Jude der andere schwarz, freunden sich an und trotzen gemeinsam den Unbillen des Rentnerdaseins. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass diesem offensichtlich antirassistischen Stück jetzt eine  Nähe zu der unsäglichen Tradition des Blackfacing angedichtet wird.

Irgendwie ist es seit Onkel Toms Zeiten schwerer geworden, Schwarzen mal was Gutes zu tun. Das musste selbst Günther Wallraff, wandlungsfähiger Retter der Entrechteten, feststellen, der die großartige Idee hatte sich als „typischer Afrikaner“ unter Deutsche zu begeben und darauf zu warten, dass es rassistisch wurde. Und wenn das nicht gleich der Fall war, dann blödelt er eben so lange rum, bis irgendwer die Fassung verlor. Kaum zu glauben, aber einige seiner vermeintlichen Schützlinge fanden das gar nicht so toll. Wallraff nahm für sich in Anspruch, den Rassismus gegenüber schwarzen Menschen in Deutschland als erster zum Thema gemacht und damit gewissermaßen „entdeckt“ zu haben, ganz so, wie die Europäer vor Jahrhunderten das Innere Afrikas „entdeckten“: Sie betraten als erste Weiße Orte, an denen zuvor „nur“ Schwarze gelebt hatten.

Auch in anderer Hinsicht ist der Miniskandal um den schwarzen weißen Schauspieler in Hallervordens Ensemble bezeichnend: Spätestens seit 1968 wandelten sich die bundesdeutschen Theater zu Volkerziehungsanstalten, die es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, die großzügige staatliche Kulturförderung dazu zu verwenden unserer Gesellschaft „kritisch“ den Spiegel vorzuhalten. Diese Hybris teilen sie mit dem Staatsfunk. Kein von linker Seite als brennend empfundenes Thema ist seitdem vor den Volksaufklärern sicher. Neben Kapitalismuskritik und Pazifismus stand natürlich auch der Kampf gegen den Rassismus immer  ganz oben auf dem Spielplan.

Angesichts der Selbstgerechtigkeit, die diese steuergelder- und zwangsgebührenfinanzierten Political Correctness Clowns vor sich hertragen, sind die ganz konkreten Erfahrungen schwarzer Schauspieler in diesem Millieu höchst interessant. Gelebte Offenheit sieht anders aus. Wie, dass können unsere Kulturschaffenden ausgerechnet vom verteufelten Hollywood lernen. Bei der großartigen Shakespeare-Verfilmung „Much Ado About Nothing“ störte sich bereits Anfang der 1990er niemand daran, dass Kenneth Branagh Denzel Washington einen spanischen Edelmann spielen ließ und selbst die Rolle des Benedick von Padua übernahm, obwohl Italiener eher selten rothaarig sind.

Von daher kann man ruhig fragen, ob deutsche Theater- und Filmemacher sich nicht oft allzu provinziell anstellen. Nur zwingen kann und soll man sie zu nichts und Hitlervergleiche  sind bitte schön zu unterlassen. Auch deswegen, weil einer der beiden Helden von „Ich bin nicht Rappaport“ glühender Kommunist ist. Darüber hat sich übrigens noch niemand empört.