Anlässlich des Dahinscheidens des „großen Führers“ Kim Jong Il bringt SPON eine Bilderstrecke über Nordkorea (hat tip Zettels keines Zimmer). Dass auf diesen Bildern keine hungernden Menschen oder GULag-Insassen zu sehen sind ist nicht verwunderlich. Das letzte Bollwerk des Sozialismus ist bekanntlich hermetisch abgeschottet. Ausländische Berichterstatter können dort nur selten und unter strenger Beobachtung arbeiten. Die Fotos zeigen das Übliche: Leicht angeschimmelte sozialistische Idyllen, oft mit dressierten Kindern und uniformierten Erwachsenen. Dafür ist die redaktionelle Einbettung der Bilder ein Skandal.
Unter dem ersten, völlig nichtssagenden Foto kündigt SPON großspurig eine Sensation an:
Meist dringen aus Nordkorea nur Propagandafotos nach außen. Pressefotos – wenn sie überhaupt geschossen werden dürfen – unterliegen normalerweise strengen Regeln. Jean H. Lee, Bürochef der Nachrichtenagentur Associated Press in Seoul, und David Guttenfelder, AP-Fotograf, gehören zu den ersten westlichen Journalisten, denen freier Zugang in die Hauptstadt Pjöngjang gewährt wurde.
Wie dieser „freie Zugang“ aussieht erfahren wir im folgenden Satz:
Sie durften sich in einem Tross einheimischer Journalisten bewegen – ohne die Kontrolle von Regierungsmitgliedern.
Natürlich weiß jeder außer den SPON-Redakteuren, dass nordkoreanische „Journalisten“ schlicht Propagandafunktionäre sind. Selbst punktuelle Kritik, wie sie in der DDR gelegentlich möglich war solange die Systemfrage nicht gestellt wurde, ist in der Presse Nordkoreas völlig undenkbar. Übrigens wurden westliche Journalisten noch nie von „Regierungsmitgliedern“ begleitet, sondern von offiziellen Aufpassern und Geheimdienstspitzeln. Die dürften auch diesmal dabei gewesen sein, doch bei SPON ist man überzeugt:
Ihre Bilder aus dem Frühjahr 2011 lieferten bislang ungesehene Einblicke und dokumentieren den Alltag unter Diktatoren.
Und der ist gar nicht mal so schlecht wird sich der unbedarfte Qualitätsmedienkonsument denken. Zumindest wollen uns Bildunterschriften wie „Schwimmspaß in der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang“ und „Unendlicher Spaß: Freizeitparkbesucher in Pjöngjang“ das offenbar glauben machen.
Die Hauptstadt Nordkoreas muss sich unbemerkt zur Spaßmetropole Asiens gemausert haben. Überall feiernde Menschen, Wanderer erholen sich im grünen Umland und an jeder Ecke gibt es leckeres Essen. Gut, die Trambahnen sind ziemlich überfüllt und es sind viele Uniformierte auf der Straße, aber so ist das eben wenn fröhliche Massenevents die sozialistischen Partypeople aus den Plattenbauten locken.
Man kann SPON nicht vorwerfen, dass sie alt bekannte Propagandamotive abdrucken – es gibt keine anderen Bilder. Aber die dreiste Behauptung, dass diese arrangierten Fotos den Alltag in einer der schlimmsten Diktaturen der Welt dokumentieren würden ist an Zynismus nicht zu überbieten. Diese Art von „Qualitätsjournalismus“, von der vor nicht allzu langer Zeit noch der eine oder andere arabische Potentat profitierte, macht mich immer wieder fassungslos.






1 comment
Comments feed for this article
23. December 2011 at 15:47
Anna Radack
Ja, das mag wohl so sein. Oder aber auch nicht. Wenn ich mir all die Lügerei und Trickserei unserer Medien im Hinblick auf Tunesien, Libyen, Ägypten, Irak und Afghanistan anschaue, vom Inland ganz zu schweigen, frage ich mich manchmal, ob all das, was von der Hölle NK berichtet wird, wirklich die Realität ist. Zumal, wenn man selbst in einem Land des realen Sozialismus gelebt hat und einem hinterher von diesen Journalisten versucht wird, einzureden, dass es mir 40 Jahre lang ganz schrecklich gegangen ist. Zu diesen Zweifeln passte kürzlich ein Bericht über einen deutschen Mittelständler, der in NK Software für Computerspiele entwickeln lässt. Laut Berichten unserer Presse müssen die Leute in NK doch den ganzen Tag nur damit beschäftigt sein, aus Abfallkübeln der Funktionäre Essensreste zusammenzuklauben. Merkwürdig! Software-Entwickler in NK!