Der ehemalige Präsident des BDI hat sich gleich dreimal eine Halle gemietet und jeweils ein paar hundert Menschen sind gekommen. Der 71 jährige steht vor seinem Publikum spricht druckreif frei und ist schon deshalb eine Ausnahmeerscheinung: “Der deutsche Unternehmensvorstand trennt sich eher von seiner Frau als von seinem Manuskript”. Was er zu sagen hat, wird immer wieder von Szenenapplaus unterbrochen. Und das ist auch schon Teil des Problems.

Denn wer überhaupt mitbekommen hat, dass Henkel in der UdK gastiert, gehört schon zu irgend einem liberalen oder libertären Netzwerk. Die üblichen 50, 60 Verdächtigen, die man allenthalben erlebt,  sitzen im Publikum und später im gleichen Restaurant wie Henkel nur einige Tische entfernt und in großer Runde. Für sie erfüllt der Vortrag die Funktion eines Hochamts. Endlich traut sich einer der Etablierten aus der Deckung und spricht die Wahrheit offen aus. Dass man lieber gleich die Golddeckung hätte oder die Zentralbanken zerschlagen würde, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Henkel analysiert richtig, dass der Euro die Wettbewerbsfähigkeit der weniger leistungsfähigen EURO-Staaten zerstört. Das kann jeder von uns nachvollziehen, der in den letzten 10 Jahren Urlaub gemacht hat: Griechenland, Italien und Frankreich sind extrem teuer geworden. Davon profitiert der Mahgreb und die Türkei. Und das ist –  was die Türkei betrifft – auch in der Industrie so. Das Land boomt.

Der Schuldenschnitt sei richtig, aber das Wort Haircut sei bezeichnend. Auch Henkel muss demnächst wieder zum Friseur. Entscheidender für die Gewinnung der Wettbewerbsfähigkeit sei aber eine Abwertung der Griechen. Wenn die sich kaputtsparen, ohne wettbewerbsfähig zu werden, werden die Spannungen in Europa nicht geringer und wir Deutschen stehen als die Schuldigen da.

In Wahrheit meint er aber eine Aufwertung der leistungsfähigen Staaten Nordeuropas, denen er den Austritt aus dem EURO bei vollständigem Schuldenerlass empfiehlt. So könne ein Run auf die Banken Griechenlands und dann auch Portugals, Italiens und zu guter letzt Frankreichs verhindert werden.

Der EURO ist ein Geschenk an die deutsche Exportwirtschaft, das von den deutschen Steuerzahlern und ihren Kindern und Enkeln bezahlt wird, sagt er.

Als Handlungsempfehlung gibt er den FDP-Mitgliedern mit auf den Weg, Frank Schäfflers Mitgliederentscheid zu unterstützen und so für ein Ende der “Jugend forscht” Truppe zu sorgen. Merkel traut er zu, dass sie ihr FDJ-Fähnchen (Sprachbild des Autors) ein weiteres Mal in den Wind hält.  Den anderen empfiehlt er den Eintrag in die herumgereichten  Listen der “zivilen Koalition”

Henkel glaubt an die Wirksamkeit der Schuldenbremse und dass sich die Unabhängigkeit der Zentralbank in einem “Nordeuro” wieder herstellen ließe. Die Freundschaft zu Frankreich sieht er genauso wenig gefährdet wie die zu Großbritannien und Polen, die ja auch nicht im EURO sind. Merkels fatalen Satz vom “Scheitert der EURO, scheitert Europa” zerpflückt er genüsslich zu Recht.

Hier trifft sein Optimismus auf Skepsis bei der lauschenden liberal-libertären Gemeinde. In der EURO-Krise hat die Politik jede Regel, jeden Vertrag, jedes Gesetz und jede Verfassung in Lichtgeschwindigkeit gebrochen und das ökonomische Prinzip geleugnet. Warum soll sie sich plötzlich an die Schuldenbremse halten. Die Maastrichter Verträge hat nie jemand wirklich ernst genommen.

Und Henkels Vorschlag löst das Schuldenproblem nicht. 8 Billionen € beträgt die offen ausgewiesene Staatsverschuldung. Die Lasten aus Pensionsverpflichtungen und Sozialversicherungen sind da noch nicht mit drin. Und im Falle einer Trennung müsste der Nordeuropäische Bund seinem südeuropäischen Pendant die Schulden erlassen. Das kann er wohl nicht finanzieren, ohne selbst in den Bankrott zu rutschen.

Typisch, dass die Hauptstadtpresse den Auftritt geschlossen ignoriert. Der Mainstream traut sich noch nicht aus der Deckung. Dass das griechische Staatsfernsehen nicht erschien, ist zu verschmerzen.

Henkel ist zu danken. Ein Anfang ist gemacht. Und er hat klar gemacht, dass wir TINA nicht zu fürchten brauchen. There is an alternative! Und nicht nur eine.

Schön, wenn ein Mann auch noch die geistige Kapazität aufweist, mehr als eine Stunde frei zu sprechen und sein Publikum trotz des abstrakten Themas auch noch zu unterhalten.

Am 16. November wird man sich beim Forum Freiheit wieder sehen und auch hier droht die Gefahr, dass man im eigenen Saft schmort, bestärkt nach Hause geht. Und die Außenwirkung bescheiden bleibt. Deshalb braucht der Liberalismus in Deutschland endlich so etwas wie eine funktionierende Struktur. Aber Liberalismus und Freiheit bleiben eben ein unüberbrückbarer Gegensatz.

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