Der Kanzlerkandidatenkandidat ist ein ordentlicher Redner. Gut ist wie er es sagt aber nicht was. Heute aber holte er die große Moralkeule raus und sprach von den Tafeln in Deutschland und Cornwall in den Kirchen, auf denen der Weltkriegstoten gedacht wird. Die Gefallenen können sich nicht dagegen wehren, wieder für eine falsche Sache in Anspruch genommen zu werden. Unter ihnen ist mein Großvater, der in Rußland begraben liegt. Ich habe ihn nie kennen gelernt.

Dass in Europa seit 1945 keine Kriege mehr stattfanden, hat viele Ursachen. Der EURO ist kein Grund dafür. Zunächst wurde es insbesondere den deutschen und französischen Staatsmännern bewusst, wie grausam das Kriegsführen in der Industriegesellschaft geworden war. Dann gab es mit der Sowjetunion einen neuen Gegner, gegen den der Westen sich zusammenschließen musste. Die nukleare Abschreckung – und nur sie – sorgte dafür, dass aus dem kalten Krieg kein heißer wurde. Jeder wusste: Wer als erster auf den roten Knopf drückt, stirbt als zweiter.

Seither hat sich auf dem Kontinent die Freiheit Bahn gebrochen. Das haben wir Ronald Reagan zu verdanken, der die Sowjet-Union niedergerüstet hat, bis Gorbatschow erkannte, dass er dieses Rennen nicht gewinnen kann.

Und den Völkern Osteuropas. Voran den mutigen Aufständigen von Ungarn 1956, dem Prager Frühling 1968 und auch dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der Karl Marx Allee. Ohne die Solidarnos-Bewegung in Polen wäre der Erosions-Prozess der Sowjetdiktatur nicht denkbar gewesen. Und ohne die mutige Regierung Ungarns, die die Bürger der DDR ausreisen ließ, wäre auch ein vereintes Europa schwerer zu erreichen.

Die Menschen im Osten unseres Kontinents bemessen der Freiheit einen anderen Wert ein als wir Westdeutschen, denen sie von den Allierten fast als Strafe in den Schoss gelegt wurde. Und unsere Brüder im Osten verharren immer noch in der Erwartung, dass die Realität sich an das Werbefernsehen anpasst. Europa ist längst zu einem Wirtschafts- und Lebensraum zusammen gewachsen, in dem Waren und Menschen wahre Freizügigkeit genießen.

Die Arbeitsteilung ist so vielfältig und die Beziehungen sind so verwoben, dass ein Krieg wie im letzten Jahrhundert nicht vorstellbar ist.

Aber dieses Europa ist nicht die Europäische Union. Es ist ein Kontinent, der von der Vielfalt der Kulturen, der Staaten aber vor allen Dingen der Menschen lebt, die auch aufgrund des technologischen Fortschritts so einfach auf diesem Kontinent herumreisen können und dank preiswerter Telekommunikation Freundschaften pflegen können.

Trotz all ihrer Fehler ist die europäische Union ein Erfolg. Aber den verdankt sie der Freizügigkeit und dem Binnenmarkt und nicht der europäischen Union oder dem EURO. Vor allem ist sie den Europäern zu verdanken, die heute ihr Leben auf diesem Kontinent verbringen.

Wie schwach müssen die Argumente von Merkel und Steinbrück, Rösler und Trittin sein, wenn sie das Scheitern des Lebenswerks von ein paar hundert Millionen Menschen in sechzig Jahren allein an einem Stück Papier, dem EURO,  aufhängt. Der aber nicht einmal scheitert, nur weil man in Griechenland einen Schuldenschnitt macht und im Anschluss die Europäische Zentralbank rekapitalisieren muss.

Aber die vermeintliche EURO-Rettung wird den Kontinent mehr schädigen. Weil das Experiment misslingen muss, weil ein riesiger Schuldenberg bleibt und weil die Griechen uns übelnehmen werden, dass wir in ihre Souveränität eingreifen. Schließlich ist die deutsche Besatzung in schlechter Erinnerung.

Der Rettungsschirm setzt die Marktwirtschaft außer Kraft, weil er Gewinne privatisiert und Risiken sozialisiert. Doch eine marktwirtschaftliche Ordnung ist die Voraussetzung für einen freiheitlichen Rechtsstaat, der wiederum die Bedingung für eine Wettbewerbsordnung bleibt: Der Staat schützt das Eigentum. Aber er garantiert nicht seinen Wert.

About these ads