Schon klar, SPON-Artikel über die USA, zumal über die republikanische Partei, muss man nun wirklich nicht lesen. Andererseits setzt oft schon beim flüchtigen Blick der Autounfall-Effekt ein: So schrecklich, dass man einfach hinsehen muss. Sebastian Fischer weilte für das führende deutsche Qualitätsmedium in Orlando beim Schaulaufen möglicher Obama-Herausforderer und man kann mit Fug und Recht behaupten: Marc „Ami-Fresser“ Pitzke, der sonst für antiamerikanischen Radau-Journalismus zuständig ist, wurde von Fischer mehr als würdig vertreten.

Nach einer Kaskade dämlicher Disneyland-Anspielungen (das liegt nämlich auch in Orlando, hihi) prahlt Fischer mit seinem Halbwissen über die politische Landschaft der USA:

 Immerhin widmen die sich derzeit der nicht ganz leichten Aufgabe, einen Herausforderer für Barack Obama zu finden. Den kennt jeder. Die Republikaner haben Mitt Romney, Rick Perry, Michele Bachmann, Rick Santorum, Ron Paul, Herman Cain und noch ein paar andere. Muss man sich die merken?

Sagen wir es mal so: Vor allem sollten diese Namen jedem USA-Korrespondenten ein Begriff sein. Allgemeinbildung ist allerdings insgesamt keine Stärke von Fischer, der die Atmosphäre in Orlando folgendermaßen beschreibt:

 Drei Tage in drei edlen Plattenbauten und einer Messehalle. Ein Ambiente wie DDR unter Palmen.

Von Teilnehmern die erschossen wurden, weil sie nachts über die Hotelmauern fliehen wollten weiß unser unerschrokener Qualitätsjournalist immerhin nichts zu berichten. Die Zustände in der letzten Diktatur auf deutschem Boden mit einem basisdemokratischen Parteitreffen in einem beliebten Urlaubsort zu vergleichen, das ist selbst für SPON-Verhältnisse armselig.

Aber mit der Basisdemokratie hat es Fischer ohnehin nicht so. Pikiert referiert er über begeisterungsfähige Anhänger, die ihre Favoriten mit Plakaten anfeuern, sich in „den Farben der US-Flagge“ kleiden oder gar als „spärlich bekleidete Damen auf höchsthackigen Schuhen“ über die Hotelflure schlendern. Und ich dachte immer die Amis wären verklemmt. Am schlimmsten treibt es natürlich die „radikale“ Tea-Party, der Gott-sei-bei-uns aller linksfühlenden deutschen Journalisten:

„Schwer angesagt ist Kleidung aus dem 18. Jahrhundert. Aus einer Zeit also, in der man noch gegen die Briten um die Unabhängigkeit focht – und ein paar Ladungen englischen Tees aus Protest gegen deren Steuerpolitik im Hafen von Boston versenkte“.

Proteste gegen Steuerpolitik! Das muss man sich mal vorstellen! In Deutschland geht man höchstens für Kopfbahnhöfe und gegen Fukushima auf die Straße. Und wer „No Taxation without Representation“ fordert, der wäre am Ende auch ein Euro-Skeptiker. Gibt es eigentlich noch ein Land auf der Welt, dessen rechter Rand beständig weniger Staat und mehr Eigenverantwortung fordert anstatt nach dem Führer zu rufen, dem alle folgen sollen? Von Sebastian Fischer werden wir die Antwort nicht erfahren, dafür bekommen wir eine „Analyse“ des Kandidatenfeldes geliefert: Demnach gibt es in der Partei einen „Grundkonflikt“ zwischen geisteskranken Rechten, „die ihre politischen Informationen direkt von Gott zu beziehen glauben“ und dem „Establishment in Washington“. Anhänger der Republikaner haben demnach die Wahl zwischen Gaga-Fundis und entrückter Machtelite. Da ist Obama dann wohl alternativlos.

Die bibelfesten Konservativen von der Tea-Party muss man nicht mögen. Trotzdem drängt sich der Verdacht auf, dass selbst der bornierteste Hillbilly im hintersten Texas mehr Toleranz für Andersdenkende und Respekt vor demokratische Grundregeln hat als Sebastian Fischer und seine SPON-Kollegen.

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