Die mediale Öffentlichkeit und die Politik streiten sich immer noch um die Einordnung des Massenmörders von Oslo und Utoya, doch wer sein Manifest mit den Augen eines Liberalen liest der weiß, wes Geistes Kind der Mann ist. Die Charakterisierung Breiviks als „wahnsinnig“ oder „christlicher Terrorist“ greift zu kurz. Er ist in erster Linie Rassist und erbitterter Feind des modernen Europa, das seiner Meinung nach seit der Aufklärung in einem kulturellen und religiösen Vakuum darbt.

Da erträumt sich ein selbst ernannter Tempelritter ein monoethnisches Reich, in dem ein konservativer Einparteienstaat über die christliche Leitkultur wacht. Die europäischen Muslime werden getötet oder in das „Kalifat“, also muslimische Staaten, deportiert. In Breiviks globaler Apartheidsvision kommt es vor allem auf die fein säuberliche Trennung von Völkern, Religionen und Kulturen an, imperialistische Angriffskriege, wie er sie den USA vorwirft, lehnt er ab.

Kurz gesagt: Wiedereinmal hat ein Kollektivist, in diesem Fall ein völkisch-nationaler, unschuldige Menschen ermordet, um seiner Wahnvorstellung von der idealen Gemeinschaft zum Sieg zu verhelfen. Und wie so oft benutzen andere Kollektivisten dieses Verbrechen, um ihre eigene, ebenso gefährliche Agenda voranzubringen.

Die Dreistigkeit einiger linker und islamistischer Aufklärungsgegner, die auf dem Rücken der Toten von Oslo und Utoya ihren Kampf gegen die verhassten “Islamkritiker” führen, steht der Dreistigkeit der Rechtsextremisten, die seit langem islamistischen Terror dafür benutzen um ihre völkischen Wahnvorstellungen zu bewerben, in nichts nach. Und wenn wir hier schon von Rassismus reden: Es ist bezeichnend, dass sich die Debatte in Deutschland nur in zweiter Linie um rechte Websites wie PI-News dreht, die von autochtonen Deutschen betrieben werden, sondern vor allem ein jüdischer Journalist und deutsch-türkische Islamkritikerinnen ins Visier genommen werden.

Tatsächlich zeigt der Diskurs um den Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ und ihre Grenzen exemplarisch, wie marginal die Unterschiede zwischen links und rechts aus liberale Perspektive sind. Die Propagandisten und die Gegner dieses Begriffs streiten sich um das multi, aus dem die Rechtsextremen ein mono machen wollen, während gemäßigte Rechte auf einer Leitkultur bestehen. Anhänger der offenen Gesellschaft hingegen fordern kulturell durch individuell zu ersetzen. Eine wahrhaft aufgeklärte Gesellschaft denkt vom Individuum her, sie steckt Menschen nicht in Schubladen. Um es deutlich zu sagen: Wer Begriffe wie „kulturelle Vielfalt“ oder „interreligiöser Dialog“ verwendet, der meint es oft gut, zementiert aber kontraproduktive Denkweisen.

Kollektivistische Gesellschaftsmodelle stehen den Werten der Aufklärung diametral entgegen und können nie eine wirklich freie Gesellschaft begründen, in der religiöser und kultureller Hintergrund Privatsache sein müssen. Wer so wie Bundespräsident Wulff suggeriert, dass nicht Individuen sondern Religionsgemeinschaften die konstituierenden Elemente unserer Gesellschaft sind, der versündigt sich am zivilisatorischen Minimalkonsens.

Was die Debatte um die Grenzen der Meinungsfreiheit und die allgegenwärtigen Rufe nach verbaler Mäßigung angeht: Sie gehen am Thema vorbei. Das wird bei einer Beschäftigung mit den Inspirationsquellen Breiviks schnell deutlich, die sich in der oft verharmlosend als “islamkritisch” bezeichneten Blogosphäre finden. Eine herausragende Rolle spielt dabei der Blogger Fjordman, der in Breiviks Manifest 111 Mal erwähnt und ausführlich zitiert wird (zum Vergleich: Der viel gescholtene Broder bringt es auf neun Treffer).

Fjordman ist der Star der rechtsextremistischen Bloggerszene. Seit er 2005 seinen eigenen Blog geschlossen hat schreibt er als Gastautor für „Gates of Vienna“ und „Jihad Watch“, zwei zentralen Anlaufstellen für europäische „Counterjihad“-Aktivisten. Seine Essays sind keine primitiven Hasstiraden, sondern gut formulierte Propaganda. Wer den lesbaren und scheinbar stringenten Ausführungen Schritt für Schritt folgt, der findet sich allerdings in einer Welt wieder, in der muslimische Horden Europa überfremden und „echte“ Europäer in einem völkischen Endkampf um ihre Existenz stehen.

Was man bei Fjordman und seinen Adepten nicht findet sind Aufrufe zur Gewalt oder die Forderung nach Massendeportationen. Das ist auch gar nicht nötig, denn diese Schlussfolgerungen ergeben sich von selbst aus den düsteren Szenarien der Counterjihadisten. Breivik ist ein Kollateralschaden ihrer Hetze, da helfen alle Distanzierungen nichts. Der Massenmörder, der wehrlose Jugendliche mit Fangschüssen exekutierte, hat seine Wahnsinnstaten unter dem Eindruck der Fjordman’schen Apokalypse-Szenarien ausgebrütet. Momentaufnahmen dieses Radikalisierungsprozesses sind Breiviks Kommentare bei Gates of Vienna, die eindrucksvoll belegen, welch böse Früchte suggestive Traktate tragen können, auch wenn Gewaltaufrufe unterbleiben.

Diese Taktik der Delegitimierung, die Fjordman und seine Spießgesellen anwenden, ist übrigens ein alter Trick der Israelkritiker, die aufgrund juristischer Grenzen und um der gesellschaftliche Ächtung zu entgehen, die rassistische Statements unweigerlich nach sich ziehen, ebenso wenig offen die Vernichtung Israels fordern können wie die rechtsextremen Blogger die Deportation und Ermordung von Muslimen. Stattdessen reiht man Lüge an Lüge und überlässt es dem Leser, die Schlussfolgerungen aus den „Fakten“ zu ziehen. Fascist minds think alike. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet linke Kräfte jetzt nach verschärften Verboten rufen ohne zu bemerken, dass hier ein juristisches Eigentor droht. Es zeigt sich wieder mal, dass der Klassiker illiberaler Kontrollfreaks, das Kriminalisieren unliebsamer Ansichten, einer offenen Gesellschaft nicht nur unangemessen sondern zu ihrem Schutz auch untauglich ist.

Für die Freunde der offenen Gesellschaft gilt daher: Die Feinde der Freiheit stehen überall, rechts, links, in der Mitte und an den Schalthebeln der Macht. Wer sich für die universelle Geltung der Menschenrechte stark macht, der wird wahlweise als Kulturmarxist oder Nazi abgestempelt. Davon darf man sich aber nicht abhalten lassen, im Gegenteil: Konsequent liberale Stimmen sind heute wichtiger denn je und Provokation und Polemik sind nicht nur erlaubt, sondern dringend geboten. Es kann nicht sein, dass wir kollektivistischen Kräften die Deutungshoheit in den Debatten um das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Individuum überlassen, denn um diese Fragen geht es letztlich bei Themen wie Integration, Meinungsfreiheit oder Terrorismusbekämpfung.

Es ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft, dass ihre Antwort auf die Bedrohung durch islamistische Faschismen wahlweise relativierend bis akklamatorisch ausfällt, so wie es die Linke seit Jahren vormacht, oder in reaktionär-völkisches Gedankengut abgleitet, wie es viele Konservative und sogar (angebliche) Liberale praktizieren. Die Kollektivisten jeglicher Provenienz haben eindrucksvoll bewiesen, dass ihre verengten Horizonte nicht zu konstruktiven Lösungsansätze taugen. Es wird Zeit, ihnen das in aller Deutlichkeit zu sagen, immer wieder und möglichst laut.

 

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