Geißlers Schlichtung als unendliche Geschichte. Der Tübinger Oberbürgermeister Palmer redet seit Stunden und versucht den Stresstest madig zu machen, nachdem die Bahn und der Gutachter den begründet hatten, warum der Bahnhof diesen bestanden haben. Unrecht haben vermutlich beide. Krankheiten lassen sich vielleicht simulieren. Die Wirklichkeit nicht.
Mit der Erfindung des Computers erlag die Wissenschaft dem Glauben, mit der zunehmenden Anzahl von Rechengängen ließe sich ein präziseres Bild der Realität darstellen. So entwickelt man “Klimamodelle”, Streßtests für Banken oder eben Bahnhöfe und legitimiert die mit riesigen Datenmengen und Super-Computern, die unterschiedliche Szenarien durchspielen.
Und wie alle mathematischen Modelle, die die Wirklichkeit der Zukunft beschreiben sollen, entspricht so das Ergebnis den Erwartungen derjenigen, die sie formulieren. Simulation ist unmöglich, weil sie Unerwartetes und Unvorhersehbares nicht einbeziehen kann. Trotz aller Komplexität der Modelle bleibt die Realität immer noch komplexer und zwei Arten von Faktoren bleiben außen vor: Diejenigen, die für unrelevant gehalten werden und diejenigen, die man nicht erkennt.
Deshalb behält auch in Stuttgart jeder sein Weltbild. Weil die Annahmen des Modells den einen passen und den anderen nicht. Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun.
Eigentlich ist es ganz einfach: Ein Durchgangsbahnhof bewältigt schneller mehr Züge als ein Kopfbahnhof. Schon alleine, weil der Lokomotivführer den Weg vom einen Ende zu anderen braucht.






5 comments
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30. July 2011 at 10:31
robert
hast du gerade den wert von computersimulationen fuer die wissenschaft zu negieren versucht?
30. July 2011 at 10:50
vonhaeften
Da sprach einer, der zu faul war, sich über mathematische Modelle und Mathematik allgemein zu informieren. Ein bißchen schimmert da diese Haltung “Mit Statistik kann man alles beweisen, deshalb taugt sie nichts” durch.
Schade, das Thema ist ja eigentlich ganz interessant und es nicht wert, auf Anne-Will-Talkshow-Niveau gedrückt zu werden. Leider kann ich diesen Stresstest nicht beurteilen, weil ich ihn nicht kenne. Aber ohne genaue Kenntnis der Methoden oder entsprechender Informationen von Fachleuten würde ich nicht so vorschnell ein Urteil fällen (nämlich so, wie es die Gegner von S21 machen). Trillerpfeifen und Gebrüll gegen S21 sind genausowenig überzeugend wie das Lamentieren über “nie mit der Wirklichkeit übereinstimmende mathematische Modelle”. Und letzteres ist nun wirklich Unsinn. Unsere ganze Industrie baut auf mathematischen Modellen auf,
vom wohltemperierten Klavier bis zum Sequenzer ist die Musik darauf aufgebaut und nicht zuletzt wurde die RAF und werden auch jetzt noch Terroristen mit “mathematischen Modellen” bekämpft, und das mit Erfolg.
30. July 2011 at 11:53
euckenserbe
1. Damit kein Missverständnis aufkommt: ich bin sehr dafür, alle Kopfbahnhöfe in Deutschland durch Durchgangsbahnhöfe zu ersetzen. Wer etwa von Berlin nach Wiesbaden fährt, braucht über Frankfurt eine halbe Stunde länger als beim Umstieg in Fulda, weil der superschnelle ICE im Schneckentempo durch die halbe Stadt tuckern muss, um sich den Kopfbahnhof aus der richtigen Richtung zu nähern. Städtebaulich ist Stuttgart ein Graus und der Flächengewinn könnte es nur besser machen.
2. Bei der Anwendung von Mathematik und EDV ist zwischen Modellen zu unterscheiden, die mit naturwissenschaftlichen Grundlagen arbeiten und eine begrenzte Komplexität aufweisen. Computergestützte Konstruktion ist mit Sicherheit ein Gewinn und auch die Simulation von bestimmten Entwicklungen im Flugzeugbau oder im Automobilbau ist mit Sicherheit gut und richtig, auch wenn sie trotzdem über den empirischen Test abgewickelt werden können.
3. Je höher die Komplexität und je mehr individuelle Entscheidungen berücksichtigt werden müssen, desto wertloser werden solche Modelle. Das gilt insbesondere für die moderne Volkswirtschaftslehre, die mit dem Kunstgriff der Ceteris Paribus Klausel und dem “Homo Oeconomicus” die Illusion entwickelt, wirtschaftliche Entwicklung wäre vorhersehbar und deshalb mit Hilfe solcher komplexen Methoden zu steuern. Dabei handelt es sich um eine “Anmaßung von Wissen” (F.A.v.Hayek). Weil diese Modelle eben nicht funktionieren, gelingt keine Wachstumsprognose und auch keine Steuerschätzung. Sie erfüllen die Erwartung derjenigen, die sie anwenden und laufen auf die Formel Pi mal Daumen heraus.
3. Mit den sogenannten Stresstests, ob für Atomkraftwerke, Banken oder den Stuttgarter Hauptbahnhof wird ordentliches Schindluder getrieben. Sie erfüllen nicht nur die Erwartung derjenigen, die sie veranstalten, sie werden sogar darauf hin konstruiert, in dem etwa Ereignisse heraus gelassen werden, die zum Stress führen: Bei den Banken wird nicht die Insolvenz einer großen Volkswirtschaft simuliert, bei den Atomkraftwerken nicht ein (unwahrscheinlicher) direkter Terrorangriff mit einem Flugzeug und bei S21 nicht einmal eine Signalstörung.
4. Den S21 Stresstest beurteile ich, nachdem ich die Präsentation in Stuttgart von 10.00-19.00 Uhr verfolgt habe und auch den Vortrag der beauftragten Schweizer Firma zum Modellaufbau und zum Verlauf. Dabei trat eben zutage, dass der zugrundeliegende Fahrplan und die Annahmen des Modells eben kaum ein Versagen vorhersagen konnten: Die Haltezeiten im Bahnhof sind so lang, dass Verspätungen (außerhalb des Tunnels) durch deren Verkürzung ausgeglichen werden. Die Züge halten einfach kürzer als vorgegeben. Das ist mir doch ein wenig dürftig. Von den Befürwortern hat keiner ein einziges Mal dargestellt, um wieviel die Fahrzeit für Passagiere sinkt, die nicht in Stuttgart aussteigen. Das ist die alles entscheidende Kennzahl und es trifft sicherlich für eine Vielzahl von Passagieren zu. Die Kritik, die Boris Palmer langatmig vortrug, zeigte eben, dass er andere Prämissen zugrunde legte, weshalb der Test nach seiner Auffassung scheiterte. Der Mann ist – glaub ich – Mathematiker und hat einige Kritikpunkte in einem Powerpoint animiert simuliert, weshalb man das vermeintliche Scheitern des Ganzen besonders eindrucksvoll erleben konnte.
Ich hoffe, meine Kritik ist nun etwas begründeter.
30. July 2011 at 13:56
vonhaeften
Zu Punkt 1: Volle Zustimmung. Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Zu Punkt 2: Du schreibst: “…ist zwischen Modellen zu unterscheiden, die mit naturwissenschaftlichen Grundlagen arbeiten und eine begrenzte Komplexität aufweisen. ” Zwischen welchen Modellen ist zu unterscheiden? Da fehlt ein Teil des Satzes, vermute ich mal.
Da ich ungefähr weiß, was du meinst, stimme ich auch hier zu. Bei “Modellen” denke ich allerdings eher an “alles, was der Fall ist”, um mit Wittgenstein zu sprechen. Egal, ob man die Dimensionen eines elektrischen Transformators berechnet oder die Flugbahn eines neuen Satellitentyps: es gibt immer ziemlich viele Parameter, die in die Berechnungen einfließen. Beim Raumflug sind es erheblich mehr als bei S21, und trotzdem machen sich die Berechnungen bezahlt. Ich denke hier nicht nur an Modelle im Computer, sondern auch an mathematische Theorien, die man zur Beschreibung eines Vorganges braucht, der dann aber auch etwas anders verlaufen kann wie geplant. Ein typisches Beispiel sind die Berechnungen von Hans Bethe und anderen zur Frage, ob die Wasserstoff-Fusion eventuell auf die gesamte Erde übergreifen könnte. Erst als man sich sicher war, das das nicht passieren kann, wurden die H-Bomben getestet. Auf jeden Fall sind wir uns einig, daß Mathematik und Physik (die immer mit idealisierenden Komponenten arbeitet) für unsere menschliche Entwicklung von eminenter Wichtigkeit sind.
Zu Punkt 3 (davon gibt es zwei, ich meine den ersten):
Aus deinen bisherigen Ausführungen (auch aus dem Blog insgesamt, den ich ja nicht umsonst auf meiner Seite verlinke), kann man schließen,daß du etwas von VWL (oder auch BWL) verstehst, beides Wissensgebiete, von ich selbst nichts verstehe.
Trotz meines Unwissens habe ich natürlich auch hier eine gewisse, wenn auch nicht sehr stark “unterfütterte” Meinung. Auch ich sehe bei den Themen Steuerschätzung und Wachstumsprognose einige Fehler in den Vorhersagen. Diese beruhen aber eher auf den ungenügenden wissenschaftlichen Methoden und der Manipulation (gewollt oder ungewollt) der Schätzer. Ich glaube aber – und hier kann ich nur für einen sehr kleinen Ausschnitt aus der Wissenschaft sprechen, weil ich eben nicht so viel davon verstehe, aber darüber habe ich etwas gelesen -, daß z.B. die Ergebnisse der Spieltheorie von einem hohen Nutzen für die Ökonomie sind, siehe http://www.vonhaeftens-blog.de/node/288 (Israel, die Spieltheorie und der Nobelpreis), genauso, wie auf ganz einfachem Niveau die Kurvendiskussion und das Hornerschema für die Aufstellung von Kosten/Nutzen-Funktionen nützlich sind. Und beides sind Methoden, die tagtäglich angewendet werden: von großen Konzernen oder auch vom Militär.
Im Einzelfall, da hast du natürlich recht, kann man jedes Beispiel zu einem äußerst komplexen aufdröhnen, wo die Methode dann versagt.
Zu Punkt 3 (dem zweiten in der Reihe):
Das wird wahrscheinlich so sein, gefühlsmäßig möchte ich dir zustimmen. Ich kenne allerdings keinen der angesprochenen Streßtests. Man kann natürlich auch nicht ALLE Streßtests jetzt ausführlich lesen, um sich ein Urteil zu bilden. Mir reichen dann Berichte von jenen Leuten, denen ich Vertrauen schenke.
Zu 4.: Hier möchte ich dir – bis auf eine kleine Ausnahme – zustimmen. Die kleine Ausnahme ist der “Mathematiker” Palmer. Der hat Geschichte und Mathematik fürs Lehramt studiert. Das ist etwas völlig anderes als ein “Mathematiker”. Ich habe als Schüler, als Student und später als Familienvater mit 3 Kindern eine Menge Mathematiklehrer kennengelernt. Darunter war nur extrem selten mal einer, der wirklich etwas von Mathematik verstand. Wahrscheinlich können wirklich gute Mathematiker auch keine guten Lehrer sein. Wie auch immer: ich habe bei Palmer immer ein ungutes Gefühl, wenn ich ihn im Fernsehen sehe. Daß ein “Zwangsdemokrat” wie dieser Typ ( http://henryk-broder.com/hmb.php/blog/article/910/) mit Power-Point-Folien um sich wirft, um seinem Publikum etwas zu beweisen (oder besser erläutern, denn um Beweise handelt es sich hier nicht), macht seine Argumentation nicht besonders seriös. Aber da bin ich vielleicht etwas voreingenommen gegenüber einem grünen OB, der von Felicia Langer behauptet, sie sei “keine Antisemitin, sondern eine ehrliche und aufrechte Kämpferin für Frieden und Menschenrechte.”
30. July 2011 at 14:59
euckenserbe
Noch ein paar Ergänzungen:
Grundsätzlich ist zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Anwendungen zu unterscheiden. In der BWL folgt auf die Anwendung direkt der empirische Test in der VWL wird er ignoriert (polemisch ausgesprochen) und BWL ist im Regelfall auch viel weniger komplex.Es gibt viele mathematische Modelle, die als Erklärung des Prinzips (Hayek) taugen, mit denen man aber kein konkretes Ergebnis errechnen kann. Da wird die Mathematik allenfalls als Sprache mit logischer Grammatik verwendet, die zu einer Argumentation zwingt, die logisch schlüssig ist.
Alles andere – i.w. einverstanden.
Obwohl ich gelegentlich auch mit Powerpoint-Folien um mich werfe, bin ich auch kein Freund von Palmer, auch wenn der mal die Umweltzone für Schwachsinn erklärt hat. Und die Erfahrung mit Mathematiklehrern teile ich auch als Vater (nur) einer Tochter (obwohl die meisten auch keine guten Lehrer sind).
Ich werde hier bei Gelegenheit mal ein paar wissenschaftstheoretische Anmerkungen zum Thema VWL und Mathematik machen von wegen homo oeconomicus und Ceteris paribus und so.
Zur Spieltheorie: Die ist erstens wenig komplex und zweitens empirisch leicht zu testen. Deshalb funktioniert sie auch.