Gestern haben wir den Maler bezahlt. Er ist gläubiger Muslim, spricht nicht ganz akzentfrei deutsch und fährt im Oktober nach Mekka. Ob seine Frau Kopftuch trägt, habe ich ihn nicht gefragt. Seine Tochter schickt er jedenfalls aufs Gymnasium. Ein netter Mann, der Folgeauftrag ist schon vereinbart.

Wir sprachen auch über Sarrazins Kreuzbergbesuch. Als ich vorsichtig bemerkte, der Mann sei nicht über Kreuzberg herein gefallen sondern sei von der Reporterin bei der alevitischen Gemeinde und im Hasir angemeldet worden, sagte der Maler, das habe er nirgends lesen können und werfe ein anderes Licht auf die Sache.

Die Journalistin Güner Balci, die jenen Kiezspaziergang mit Sarrazin unternommen hatte, bei dem dem Mann keine sprichwörtliche Toleranz des Multi-Kulti-Viertels entgegensprang, in dem die Autos wohlhabender Leute brennen und am 1. Mai die Steine fliegen, hatte auch den Auftrag des RBB, einen Film über Sarrazin zu drehen.

Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und kein Sarrazin-Freund wird zunächst von der Fernsehproduktion um eine Wiederholung des Interviews gebeten, aus Zeitgründen ohne die Autorin. Die Aufnahmen des ersten Interviews seien leider gestohlen worden.

Schirrmacher ruft beim RBB an, der vom Diebstahl nichts weiß. Tatsächlich will man den Sarrazin-Film zunächst ohne Balci drehen, die nun nicht mehr neutral genug sei. Nun ist es der Film nicht mehr.

Heute morgen zitiert die Presseschau des Deutschlandfunkes die Frankfurter Rundschau, die die bereits in der SZ aufgestellte Behauptung, das Wirken Henryk Broders stehe in irgend einem Zusammenhang mit dem norwegischen Attentäters. Der Mann sei neben Sarrazin der bedeutendste Islamophop. Dass Sarrazin in irgend einem Zusammenhang mit dem Massenmörder steht, findet auch Sigmar Gabriel, dessen Generalsekretärin den Mann irgendwie dann doch nicht aus der SPD werfen wollte.

Ebenfalls im Deutschlandfunk läuft ein Stück über einen gestern gezeigten Dokumentarfilm über einen berühmt gewordenen Ehrenmord. Auch der Mörder kommt zu Wort und begründet seine Tat mit dem westlichen Lebensstil der Schwester. Glücklich ist die Familie damit nicht geworden.

Niemand kann ernsthaft behaupten, dass wir in einer islamophoben Gesellschaft leben. Wir haben einen türkischen Parteivorsitzenden, ein paar Bundestagsabgeordnete, immerhin zwei Landesministerinnen und viele Taxifahrer, Gemüseverkäufer und eben auch Malergesellen. Sie können hier ihren Glauben leben und viele ihrer Bräuche pflegen, vom Ramadan bis zum Zuckerfest. Dagegen ist nichts zu sagen und dagegen sagen auch Broder und Sarrazin nichts.

Aber Religionsfreiheit bedeutet auch, dass derjenige oder diejenige, die frei von Religion sein will, das auch darf. Dass der fließende Übergang der Jugend bedeutet, dass jeder Mensch das Recht hat, sich so zu kleiden, so zu leben wie er oder sie es möchte. Und dass der Staat diese Freiheit gegebenenfalls auch gegen die eigene Familie durchsetzen muss.

Wer die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus beschreibt und vor Kapitulation warnt, ist deshalb auch nicht islamophob. Die Anschläge von New York, London und Madrid haben gezeigt welche Gefahr von diesem Terrorismus ausgeht. Und dass zwei vergleichbare Anschläge in Deutschland nicht geklappt haben, zeigt, dass auch wir im Fadenkreuz dieses Terrors stehen, der den Islam als Vorwand für seine Grausamkeit sieht.

Dieses “Meinungsklima” darf niemand als Rechtfertigung verstehen, 76 Menschen zu ermorden. Und man kann es auch für fragwürdig halten, wenn jemand wie Sarrazin in einem türkischen Restaurant in Kreuzberg nicht bedient wird. Warum auch immer.

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