Die Anfänge der Schulden- und Währungskrise reichen bis in die sechziger Jahre zurück, als die Ökonomen und Politiker der Irr-Glaube befiel, man könne mit Hilfe keynesianistischer Methoden Marktprozesse so steuern, dass die konjunkturellen Schwankungen um einen gleichmässigen Wachstumspfad einer Volkswirtschaft mit Hilfe von Deficit Spending und “payback” ausgeglichen werden könnten. Seither geben alle westlichen Demokratien Jahr für Jahr mehr aus, als sie über Steuern, Gebühren und Abgaben einnehmen. Doch das war erst der Anfang.

Ende der siebziger Jahre hat sich der Keynesianismus das erste Mal als unbrauchbar erwiesen. Helmut Schmidt und sein liberaler Wirtschaftsminister Friedrichs nutzten die Gießkanne, um mittels Konjunkturprogrammen geliehenes oder gedrucktes Geld über die Landschaft zu gießen. “Fünf Prozent Inflation”, sagte der Weltökonom Schmidt damals, seien ihm allemal lieber als 5 % Arbeitslosigkeit. Das Resultat waren 10% Inflation Anfang der Siebziger und 10% Arbeitslosigkeit.

In den Achtziger Jahren kehrten die Angelsachsen deshalb zurück zur reinen Lehre. Dass Clinton Mitte der Neunziger sogar Überschusse in den USA erwirtschaftete, war das Resultat der Finanzpolitik von Ronald Reagan und George Bush senior, die die Steuern gesenkt und so die Wirtschaft wettbewerbsfähig gemacht hatten.

In Deutschland herrschte derweil der Glauben an die Neoklassik. Statt wie Keynes an der Nachfrageseite der Gleichung des wirtschaftlichen Gleichgewichts herumzudoktern, wollte man nun auf der Angebotsseite mit dem Drehen an ein paar Stellschrauben die Wirtschaft auf Kurs bringen. Nicht der Mut zum Wettbewerb oder die Steigerung der unternehmerischen Freiheit waren der Antrieb der Reformen der Regierung Kohl, sondern die punktuelle Verbesserung der Angebotsbedingungen. Man tat teilweise das richtige – aber aus den falschen Gründen.

In jener Zeit trat auch der Herr der Blasen auf den Plan. Alan Greenspan wurde Gouverneur der Federal Reserve Bank und verabschiedete sich vom Konzept der “produktivitätsorientierten Geldpolitik”, das bei der Bundesbank zu einem ehernen Gesetz geworden war: Die Geldmenge darf nicht schneller wachsen als die Wirtschaft, um eine Inflation im Kern zu verhindern und die Stabilität zu garantieren.

Greenspan dagegen wollte die Geldmenge ausweiten, um die “Konjunktur” “anzukurbeln. Das schien ihm solange in Ordnung, wie die “Verbraucherpreise” stabil waren. Die Zusammensetzung des Warenkorbs konnte man regelmäßig verändern. Die Entwertung des Geldes fiel auch deshalb nicht auf, weil etwa Produkte des täglichen Bedarfs wie etwa Computer, CD-Spieler oder gar Mobiltelefone aufgrund des technischen Fortschritts immer preiswerter wurden.

Zur fortwährenden Verschuldung der Staaten war nun bei der Leitwährung also auch noch ein zunächst unbemerkter Wertverfall getreten, der sich seit Anfang der Neunziger Jahre durch das Platzen von “Blasen” regelmässig entlädt. Anfang der Neunziger spekulierte man zunächst gegen das Pfund, dass die noch von Helmut Schmidt und Giscard d´Estaing entworfen worden war. Als nächstes waren die Tigerstaaten dran, in denen viele Unternehmer in den Neunziger Jahren sich Dollar geliehen hatten, um ihre Expansion zu beschleunigen. Bei steigenden Kursen konnten sie ihre Gläubiger nicht mehr bedienen. Dann kam die DotCom-Krise, die vielen dem Terroranschlag von 9/11 zuschrieben. In Wahrheit war das aber allenfalls die Nadel, die die Blase diesmal zum Platzen brachte.

Jedes Mal verpuffte eine immer grössere Menge an Scheingeld, das sich in der jeweiligen Blase gesammelt hatte. Und jedes Mal warf Greenspan die virtuelle Notenpresse an, um noch mehr Geld zu drucken. Die nächste Krise kam bestimmt und hieß “Subprime”.

Hier wurde die Wirkung der exponentiell wachsenden Geldmenge durch die Rolle der “government sponsored enterprises” Fanny Mae und Freddy Mac multipliziert. Die Banken konnten an diese deFacto staatlich garantierten Finanzinstitute ganze Kreditpakete verkaufen, die diese dann als “asset backed securities”, also durch Wertgegenstände abgesicherte Kredite an Geschäftsbanken weltweit weiter vertrieb. Besonders anfällig dafür waren die provinziellen Freunde der deutschen Industriekreditbank, die der staatlichen KfW gehörte und die deutschen Landesbanken.

Soviel Schulden wie nachgefragt wurde, konnten die amerikanischen Hausbesitzer gar nicht machen und so wurden die Kreditpakete meist nicht solventer Schuldner zu astronomischen Preisen gehandelt. Es gab immer mehr Zentralbankgeld als Schulden und der Zins der Zentralbank war immer niedriger als der, der von den Schuldnern aufzubringen war.

Es war eine Frage der Zeit, bis sich auch in dieser Spirale, die nicht aufgrund marktwirtschaftlicher Prozesse entstanden ist, die Richtung änderte: Von nun an ging´s bergab.

Nachdem der Staat so töricht gewesen war, sich ohne Not an der IKB zu beteiligen, die sonst keiner haben wollte, hing er nun mit drin. Der Vorstand hatte in krimineller Manier aber guten Glauben wahnsinnige Mengen solcher Asset backed securities in einer irischen Gesellschaft angesammelt, die er nicht in die eigene Bilanz gestellt hatte. Als die Kurse rutschten und keiner mehr die Papiere haben wollte, hatte er nicht mal mehr ein Problem. Die Bank war pleite. 70% des Rettungspakets von satten 3,5 Mrd. € wurde von der Eigentümerin KfW übernommen.

Wären Politiker, Staatengemeinschaft und Bankenaufseher weltweit so allwissend gewesen, wie sie sich heute gerieren, eine weitere Intervention hätte nach ihrer eigenen Logik schlimmeres verhindert. Rettungsschirme und Kapitalspritzen wären damals viel billiger gewesen.

Schließlich traf es bereits im August die nächste Staatsbank. Die Sachsen LB, für die das gleichnamige Bundesland mit Haut und Haaren haftete, hatte sich über – man ahnt es schon – irische Zweckgesellschaft am amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert. Sie wurde letztendlich von der Landesbank Baden Württemberg übernommen, den Schaden in Höhe von mindestens 2,75 Mrd. € trägt der Landeshaushalt über eine Bürgschaft.

Im Zuge des Jahres 2008 geriet dann die ebenfalls staatliche BayernLB in eine existenzbedrohende Krise. Das aus der Girozentrale der bayerischen Sparkassen hervorgegangene Institut hatte kritische Wertpapiere in Höhe von rund 24 Mrd. € in den Büchern. Während des Jahres 2008 erhielt sie staatliche Finanzspritzen des Landes Bayern und des mittlerweile eingerichteten Rettungsfonds in Höhe von rund 6 Mrd.€, 2009 wurde eine weitere Kapitalspritze des Landes in Höhe von 10 Mrd. € und eine Bundesbürgschaft über 15 Mrd. € fällig, was den Gesamtaufwand auf rund 30 Mrd. € summierte.

Die im Eigentum der Sparkassen und dem Land NRW befindliche West LB hat eine skandalbeladene Geschichte, innerhalb derer die Bank den Steuerzahler schon die ein oder andere Milliarde gekostet hat. 2009 gründete sie als erste Landesbank eine “Bad Bank”, in der sie ihre problematischen Wertpapiere auslagerte. Die hatten vorher noch einen Buchwert von 77 Mrd. €, der wahre Wert zum Zeitpunkt der Übertragung lag wohl eher bei Null. In der Haftung: das Land NRW, das im Jahr rund 30 Mrd. € einnimmt. Mit anderen Worten: Die Steuereinnahmen von  2 1/2 Jahren würden aufgefressen, wenn dieser Verlust in Gänze ausgeglichen werden muss, ohne dass das Land auch nur einen anderen Cent ausgegeben hätte.

Aus dem Greenspanschen Scheingeld wurden so reale Schulden.

Etwas anders verhält es sich bei der Hypo Real Estate und der Commerzbank. Letztere hatte Ende 2008 gar keine Hilfe nötig, wollte aber mit der Dresdner Bank fusionieren. Das war dem damaligen Finanzminister Steinbrück recht, denn der träumte in französischer Manier von einem “nationalen Champion” und außerdem wollte sich sonst partout keine private Bank Geld beim frisch gespannten Rettungsschirm leihen,  weil sie ihn einfach nicht brauchten. Profiteur war die Allianz, die sonst die Verluste der Dresdner Bank hätte tragen müssen, die sie so bequem auf den Steuerzahler abwälzen konnte.

Die Hypo-Real-Estate bekam Staatsgarantien und Beihilfen in der Größenordnung von rund 150 Mrd. €, die jedoch nicht als verloren gelten sollten. Ihr Geschäftsmodell  bestand darin, gut besicherte langfristige Kredite zu vergeben und diese zu einem niedrigeren Zins kurzfristig zu refinanzieren. Aus der Differenz entstand ein Gewinn und die meisten Kredite erschienen bombensicher, weil Pfandbriefe mit mindestens 60% des Kreditwerts besichert sein müssen und Kommunen und Bundesländer zu den bevorzugten Kunden gehörten Auf die Schnelle ist jedoch nicht herauszufinden, wie hoch der staatliche Anteil am HRE-Geschäft war. Auch hier gibt es eine Bad Bank und die HRE wurde im Jahr 2009 verstaatlicht.

Entscheidend für den Ausbruch der Finanzmarktkrise, die – wie man sieht seit 2007 in vollem Gange war, war nicht der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, sondern die Rettung von Bear Stearns im Frühling des gleichen Jahres.

Zwar wurde die Bank pro Forma von J.P. Morgan übernommen. Doch die Risiken aus der Pleite von drei Immobilienfonds, die Bear Stearns aufgelegt hatte und weitere Garantien übernahm die Federal Reserve in Höhe von 29 Mrd.  $. Damit war der Damm gebrochen. Das Signal war gesetzt: Der Staat übernimmt alle Risiken.

In der Folge kam der “Interbankenhandel” zum Erliegen. Einerseits weil es billiger und einfacher war, sich für die laufenden Geschäfte bei der Zentralbank Geld zu leihen. Und andererseits weil niemand ein Risiko einer anderen Bank übernehmen wollte, solange das nicht auch noch staatlich garantiert war.

Haben die Banken bis dahin immer versucht, sich gegenseitig selbst aus der Patsche zu helfen, war nun der Ruf nach Vater Staatuch.  allgegenwärtig. Ausgerechnet bei den Raubtieren im vermeintlichen Mutterland des Kapitalismus. Und überall sonst auch.

Wenn Politiker bei der Risikoübernahme zauderten oder zögerten, ließ Ackermann sie einfach mal in den “Abgrund” blicken und schon wurde ein staatlicher Rettungsschirm erst über die Banken und dann über die bereits insolventen Euro-Staaten gespannt und die Banken und Versicherungen waren ihre Risiken los.

Schuld an dem Versagen ist kein Marktversagen. Sondern die Verhinderung und Verzerrung des Marktfunktionierens durch fortwährende staatliche Intervention, die immer schneller eine noch grössere und intensivere staatliche Intervention bedingt. Das ist keine neue Erkenntnis. Ludwig von Mises wusste es schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Allerdings funktioniert das Ganze nach dem Prinzips eines Märchen: Wie bei “des Kaisers neue Kleider” kommt es darauf an, dass man glaubt, dass es neue Kleider sind. Wehe wenn einer sagt, “aber er hat ja gar nichts an”. Aber das fällt irgendjemand irgendwann schon auf. Garantiert.

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