Ich bin bestimmt kein Fan von Silvana Koch-Mehrin. Aber die Frau ist gestraft genug. Wie ein Doping-Sünder wurde sie mit einer Analysemethode überrascht, die der technische Fortschritt noch nicht preisgegeben hatte, als sie fröhlich abschrieb, ohne das ordnungsgemäß zu vermerken. Aber ist sie deshalb für alle Zeit Persona Non Grata? Nein. Gerade Freunde des Liberalismus sollten sich darin üben, auch die Freiheit des Fehlers zu respektieren.

Denn erstens fragt es sich, wie es mit den Promotionen anderer Promis von Biolek bis Gysi ausssähe, wenn die ein Opfer der Schwarmintelligenz geworden wären. Bisher haben die Plagiatsjäger keinem Doktor ein Unbedenklichkeitsattest ausgestellt, obwohl man wetten kann, dass Dr. Westerwelle und Konsorten bei ihnen zumindest unter einen Anfangsverdacht gestellt wurden. Von Dr. Bartsch wissen wir, dass seine Diss von der Akademie der Wissenschaften der Sowjet-Union aus Geheimhaltungsgründen unter Verschluss gehalten konnte. Und das schwäbische Urgestein Hertha Däubler-Gmelin, Bundesministerin der Justiz außer Diensten (spezialisiert auf Bush-Hitler-Vergleiche) vergaß doch glatt, entsprechend der Promotionsverordnung ihr Kunstwerk zu veröffentlichen.

Und zweitens stellt sich die Frage nach der unfehlbaren Tugendhaftigkeit unserer Politiker. Wir brauchen unter ihnen dringend ein paar  Schnellfahrer, Steuersünder,  bekennende Stasi-Mitarbeiter, Steinewerfer und resozialisierte Straftäter. Denn aus Fehlern und Irrungen lernt meistens keiner soviel wie derjenige, dem sie unterliefen. Und wer die Konsequenzen für sein Handeln einmal getragen hat, sollte nicht ein zweites Mal dafür gerichtet werden, solange er dazu steht. Das gilt auch für Silvana Koch-Mehrin oder die nette Frau Kaiser von der brandenburgischen SED/PDS/Linkspartei.

Denn auch der geneigte Leser sollte sich mal fragen, welch Vergnügen es ihm machen würde, wegen einer mittelschweren Verfehlung derart scharf an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden.

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