„Die Auferstehung weltlich buchstabieren“, dieses kirchentagsreife Bonmot findet sich in Heribert Prantls österlichem Leitartikel, in dem er sich einer der liebsten Disziplinen aller aufrechten Bessermenschen widmet: Der linken Vulgärtheologie. Dieser noch recht junge Zweig christlicher Glaubenslehre wurde eigens entwickelt, um rot-grünen Überzeugungen eine spirituelle Dimension zu verleihen. Während die Grundaussage recht einfach ist und eigentlich nur darin besteht, dass alles was links ist auch gottgewollt ist, zeichnet sich die Sprache vulgärtheologischer Predigten durch eine schwurbelige Bedeutungschwere aus. Das klingt dann so:

 Aufstehen und Aufbrechen. Ostern ist ein Sich-Aufrichten aus einem Grab, das man sich nicht im Wortsinn als Grab vorstellen muss. Ostern ist die Befreiung aus Dumpfheit und Unterdrückung, aus dem vermeintlich Unabänderlichen; Ostern ist die Überwindung der Angst.

Und deswegen ist Osten auch überall, selbst da, wo man es am wenigsten vermutet, in den arabischen Staaten zum Beispiel.

 Die Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo, von den Jugendlichen in Bengasi, in Sanaa und Damaskus sind österlich.

Sind wir nicht alle ein bisschen Ostern? Das Totschlagwort „kulturunsensibel“, hier passt es mal. Aber letztlich geht es dem großen Hippie im Himmel ohnehin nicht um die Christen ehrenhalber in Nahost, sondern um die Krone der Schöpfung, den deutschen Linksgutmenschen:

Man muss Unsicherheit ertragen und aufstehen, um wieder zu gestalten, zu handeln, zu wagen. Und diese individuelle Dimension lässt sich ins Gesellschaftliche übertragen, wenn Menschen gemeinsam handeln – die Befreiungsbewegungen in Arabien führen uns das vor Augen. Vielleicht aber auch, und damit rückt die gesellschaftliche Dimension von Auferweckung angenehm oder unangenehm nahe, der Protest um Stuttgart 21; Auferweckung lässt sich übertragen auf die zivilgesellschaftliche Gegenwehr überhaupt, sei es gegen Atomkraft oder Datenspeicherung.

Frau Käßmann, die Säulenscheinheilige aller gläubigen Ökopazisten, hätte es nicht schöner sagen können. Warum man in einer rechtstaatlichen Demokratie Mut oder gar religiöse Erweckungserlebnisse braucht, um sich am politischen Meinungsbildungsprozess zu beteiligen hätte man dann aber doch gerne genauer gewusst. Ob es aus christlicher Sicht zulässig ist, Menschen die in Sachen Infrastrukturausbau oder Energiepolitik anderer Meinung sind außerhalb der göttlichen Heils zu stellen, wäre noch eine ganz andere Frage. Allerdings nicht für Bruder Heribert, der ist sich ganz sicher, was Gottes Wille in Sachen Stromerzeugung ist.

Wenn etwa aus der Energiewende eine Bewusstseinswende wird, wenn sie eine andere, verantwortungsbewusstere Art des Lebens einleitet – dann wäre sie eine Art Auferstehung, dann wäre Fukushima ein Weckruf gewesen.

Die deutschen Atomkraftgegner, sie sind das wahre auserwählte Volk. Ihr Wohl liegt dem Allmächtigen so am Herzen, dass er mir nichts dir nichts ein Erdbeben inklusive Tsunami am anderen Ende der Welt inszenierte, das Zehntausenden das Leben gekostet und weite Landstriche verwüstet hat, um so ein Atomkraftwerk zu havarieren und damit in guter linker Tradition ein Zeichen zu setzen. In seiner unendlichen Weisheit wusste der himmlische Vater, dass nur ein Volk auf der Welt egozentrisch genug sein würde, um diese Katastrophe als eine Art verfrühte Ostergrußbotschaft an die heimische Anti-AKW-Bewegung zu interpretieren. Und siehe, die himmlische Botschaft wurde erhört.

Wie im Rausch predigt sich Prantl durch die aktuellen politischen Fragen, auch die Flüchtlinge auf Lampedusa bleiben nicht verschont, die für ihn „Botschafter der Menschenrechte“ sind. Eine erstaunliche Aussage wenn man bedenkt, wie wenig man sich in den Münchner Redaktionsstuben all die Jahre für die furchtbaren Zustände in den arabischen Diktaturen interessiert hat. Besonders Gaddafis Libyen wurde sehr zuvorkommend behandelt. Der einzige Staat im Nahen Osten, dem die ewige Verdammnis der SZ-Redaktion schon immer sicher war, ist Israel.

Aber Israel hat ohnehin ausgedient, das gelobte Land es liegt da, wo zwei oder drei Linksdeutsche beisammen sind und Nein-Danke-Sticker an der Latzhose haben. Da, wo eine bessere Welt möglich ist, weil die Schwerter zu Pflugscharen und Kühltürme zu Windrädern geworden sind, wo Milch von glücklichen Kühen und Bio-Honig fließen, wo das Geld vom Staat kommt und der Strom aus der Steckdose, in Ewigkeit Amen.

Man darf gespannt sein, ob auf dem nächsten Kirchentag beantragt wird, dass „Atomkraft? Nein Danke!“ und „Oben Bleiben“ als elftes und zwölftes Gebot in die heilige Schrift aufgenommen werden. Bis dahin gilt: Der eine Gott ist ein Linker, und Heribert ist sein Prophet!

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