Über sie wird viel zu wenig gesprochen. Wer kann erahnen, wie es in ihnen aussieht? Jörg Burger findet in der ZEIT einfühlsame Worte für ihre Not.

Jetzt haben sie zum ersten Mal erfahren, dass das Schreckliche passieren kann, eine Einsicht, die ihre Kindheit beendet. Ein plötzliches Erwachsenwerden.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: In Burgers Artikel geht es nicht um die Kinder in Japan, die durch eine furchtbare Naturkatastrophe ihr Zuhause, oft sogar Eltern, Geschwister und Freunde verloren haben. Es geht drei Seiten lang um die Sprösslinge des rot-grünen Bürgertums im sicheren Deutschland und ihre Ängste vor dem großen, bösen Atom-GAU.

Zum Beispiel Antonia.

Als Antonia Härtel am Montag voriger Woche zur Schule kommt, ist ihr Kopf voll von Bildern, die sie noch nie gesehen hat, von Gedanken, die sie noch nie gedacht, von Ängsten, die sie noch nie durchlitten hat.

Zum Glück gibt es engagierte Pädagogen die in diesen schweren Tagen bei den Kindern sind, obwohl sie selbst kurz vor dem psychischen Zusammenbruch stehen.

»Wie fühlt ihr euch damit?«, fragt der Lehrer, Herr Achterberg. Er wirkt aufgewühlt, so hat Antonia ihn noch nicht erlebt. Er redet auch nicht über Geschichte, wie sonst montags um diese Zeit, sondern über die Katastrophe in Japan, die Antonia schon das ganze Wochenende beschäftigt hat, seit am Samstag, dem 12. März, dieses Reaktorgebäude explodierte. Die ferne Katastrophe scheint für den Lehrer genauso groß und unvorstellbar zu sein, wie sie es für die Klasse ist.

Und weil das Leid der Menschen in Japan so unvorstellbar ist versucht man es gar nicht erst, sondern macht das, was klein und groß in Deutschland am besten können: Man beschäftigt sich mit sich selbst.

Natürlich hat sie auch Angst, sie ist angespannt. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und dem Reaktorunglück hat ihr Vater sie beruhigen müssen. Die Gefahr komme nicht nach Deutschland. Und als sie gemeinsam die Nachrichten guckten, schimpfte er über Angela Merkels Laufzeitverlängerung, die im letzten Herbst beschlossen wurde.

Schlimm das alles. Aber wir können stolz sein auf unsere tapferen Kinder:

In Antonias Klasse und anderen deutschen Schulen kann man einen Blick werfen auf die künftige Generation Fukushima. Und man darf staunen, dass man nicht etwa verschreckten Kindern begegnet, sondern neugierigen, die viel wissen, weil sie das Internet nutzen, abends Tagesschau und Brennpunkt gucken. Sie wissen nicht nur über die japanische Katastrophe Bescheid, sie kennen sich auch mit Energiepolitik aus.

»Man sollte aus der Atomenergie aussteigen, aber nur, wenn man nicht Atomstrom aus dem Ausland einkaufen muss.«

»Die deutschen Atomkraftwerke sind viel älter und unsicherer.«

»Tsunami bedeutet Welle im Hafen.«

»Die Strahlung kann zu Missbildungen führen.«

»Und wozu noch?«, fragt der Lehrer.

»Mutationen.«

Sie wissen, dass die Strahlen für Kinder besonders schädlich sind, weil sie noch wachsen. Sie lesen das Was ist was- Buch Atomenergie. Es ist in den Buchhandlungen ausverkauft, ebenso wie das Tschernobyl-Jugendbuch Die Wolke.

Und Dank all dieser Informationen, die man ihr offenbar schon seit Jahren zukommen lässt, weiß Antonia auch ganz bestimmt, dass sie gegen Atomkraft ist. Deswegen musste ihr Vater auch gar nicht mehr nachhelfen, wie er glaubwürdig beteuert. Angesichts der braven kleinen Anti-Atom-Pioniere fragt sich Burger, ob Kinder nicht viele besser geeignet sind um komplexe Themen wie Risiko- und Nutzenabwägungen in der Energiepolitik zu verstehen:

Es geht um Atome und deren noch kleinere Bestandteile, die man bekanntlich weder riechen noch schmecken, noch sehen kann. Kinder sind, was das Unsichtbare anbelangt, ihren Eltern gegenüber im Vorteil: Mit ihrer Fantasie können sie sich die Zauberkräfte von Harry Potter vorstellen, da ist so ein Atom, das herumschwirrt und mit Neutronen um sich schleudert, auch kein Problem.

Und sie sind ständig in der Natur: Sie klettern auf Bäume, sie spielen im Wald, sie lieben Tiere. Sie haben Angst, dass das verloren gehen könnte. Sie sind noch nicht so abgestumpft wie die Erwachsenen.

Willkommen in der infantilen Republik, deren aktuelle Energiepolitik bereits davon bestimmt wird, dass die Regierenden bei den Bürgern den Horizont kleiner Kindes voraussetzen, die mit einem Heile-heile-Segen-Schnellausstieg zu besänftigen sind. Tatsächlich befinden sich viele erwachsenen AKW-Gegner intellektuell noch deutlich unter Antonia-Niveau was nicht weiter auffällt, da rationale Argumente in der Debatte keine Rolle spielen. Wer am dollsten Angst hat und am lautesten heult, dem gibt Mutti was er will.

Antonia und all den anderen völlig verängstigten Kindern kann man keinen Vorwurf machen. Sie sagen nur artig nach, was Eltern, Pädagogen und Medien ihnen eingetrichtert haben. Generation Indoktrination.

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