Ich weiß nicht wie es Ihnen geht liebe Leser, aber ich finde es spannend dabei zuzusehen, wie die Nahost-Korrespondenten unserer Qualitätsmedien den Nahen Osten entdecken. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, den ihre Paradedisziplin “Israelkritik” ist aufgrund der aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt gerade nicht  so en vogue. Deswegen muss man  jetzt wohl oder übel über Länder berichten, die man bisher nur vom Hörensagen kannte, zum Beispiel Libyen. Es hat fast etwas rührendes, wenn sich  SPON mit plötzlichem Eifern an die “Entlarvung” des Gaddafi-Regimes macht (hat tip Lila). Auch die SZ, die vor einer Woche gerade mal einen Hang zu “brutalem Realismus” bei Gaddafi ausmachte, aber ansonsten darauf bestand, dass es sich bei dem libyschen Massenmörder um einen leicht schrulligen Sozialreformer handele, schlägt nun andere Töne an und will ihn auf der Anklagebank von Den Haag sehen.

Dabei klangen die Berichte über Gadaffi auch schon mal anders, damals, als die Welt noch in Ordnung war und der jüdische Staat als einziger Störfaktor im Nahen Osten feststand. SPON betätigte sich letztes Jahr schon mal gratis als Pressebüro des libyschen Terrorfürsten, während dieser sich anschickt die Mavi Marmara Krise weiter eskalierenzu lassen. “Die Fahrt eines türkischen Schiffs endete mit einem Blutbad, jetzt will Libyen der Bevölkerung im Gaza-Streifen helfen” plapperten die Hamburger Edelfedern damals treuherzig die Agenturmeldungen nach. Die “Wohltätigkeitsorganisation” des Gaddafi- Sprösslings Seif-ul-Islam wolle  “2000 Tonnen Medikamente und andere Hilfsgüter” in den Gazastreifen liefern. Die Quellen für diese glaubwürdige Szenario waren ein Sprecher der Botschaft Libyens und  “die Nachrichten-Website Oaelibya,  die zu einem Medienkonzern des Gaddafi-Sohnes gehört”. Für einen einzige kritischen Satz, der auf die Möglichkeit hinweist, dass es sich bei dieser “humanitären Hilfsaktion” bestenfalls um einen Propaganda-Coup handelte und schlechtestenfalls um den Versuch, die angespannte Lage weiter zu verschärfen, hatte es trotz aller bestimmt vorhandenen journalistischen Sorgfalt bei den nicht gereicht. Immerhin passt diese Peinlichkeit zum Niveau der Berichterstattung über die Mavi Marmara.
Noch toller trieb es die SZ, die sich in mehreren Beiträgen dem Thema „Gaddafi und die Frauen“ widmete. Da konnte der interessierte Leser unter anderem erfahren, dass nicht Mord und Folter die Konstante in Gaddafis 40 Regierungsjahren waren, sondern „seine Begabung, sich als Exzentriker in Szene setzen“. Im augenzwinkernden Plauderton wurden mal seine Verdienste um die Befreiung der libyschen Frau gelobt, mal durfte eine italienische Hostess lang und breit darüber berichten, wie sehr Gaddafi sie „beeindruckt“ habe. Ende 2010 beglückte uns das links-liberale Leitmedium mit den Dankesarien zufriedener Libyerinnen, die begeistert bekennen: “Papa Gaddafi kümmert sich gut um uns Frauen“. Sogar ein treuer Ehemann soll er laut SZ seinen drei Gattinnen sein, denn „niemand hat je von Mätressen gehört“. Scheint fast so, als wäre den Münchner Redakteuren vor lauter launigem Geplaudere über die sanfte Seite Gaddafis so einiges entgangen, und zwar nicht nur seine Mätresse.

 

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