Seit sich die Menschen in Tunesien und Ägypten zumindestens vorläufig ihrer Unterdrücker entledigt haben lässt sich in den deutschen Medien ein seltsames Phänomen beobachten: Die Nahost-Korrespondenten entdecken den Nahen Osten. Plötzlich finden sich fast täglich Berichte über die Korruption in Tunesien, den Polizeistaat in Ägypten, die Brutalität der saudischen Herrscher. Das Monothema „perfides Zion“ scheint dagegen vorerst abgemeldet zu sein. Trotz dieser erfreulichen Ansätze sollte man die Lernfähigkeit unserer Qualitätsjournalisten lieber nicht überschätzen. Der kritische Umgang mit arabischen Potentaten ist immer noch eine schwierige Übung für die Weggucker vom Dienst, die uns jahrelang weismachen wollten, dass das einzige Problem der Region in der Existenz eines jüdischen Staates besteht. Anders sind Peinlichkeiten, wie dieser Artikel in der SZ über Muamar al Gaddafi nicht zu erklären.

Über die Zustände in Libyen, wo es heute bei Protesten gegen das Regime Tote gab, weiß man in München anscheinend nur Gutes zu berichten. Dort gibt es kostenlosen Wohnraum, medizinische Versorgung gratis und nein, so beruhigt uns das Sturmgeschütz der israelkritischen Berichterstattung, niemand hungere in Libyen. Man fragt sich unwillkürlich, wo eigentlich das Problem der Libyer mit ihrer Wohlfühldiktatur liegt. Aber es soll ja auch Leute geben, für die das Fressen nicht vor der Moral kommt. Gaddafi selbst muss allerdings ein bisschen Tadel einstecken, das macht man jetzt schließlich so wenn man was über arabische Autokraten schreibt. Dabei bringt das weiß-blaue Leitmedium das Kunststück fertig, kein Wort über die Förderung des Terrors, den libyschen Einmarsch im Tschad oder die Unterstützung Gaddafis für den Völkermord in Darfur zu verlieren. Erstaunlich, wieviel Milde die SZ einem mörderischen Diktator entgegenbringt, für den Pressefreiheit ein Fremdwort ist. Vor allem, wenn man an die hysterischen Empörungslitaneien denkt, die dieses Blatt regelmäßig auf die freiheitliche Demokratie Israel losläßt.

Der „ewige Potentat“ ist zwar „hellsichtig“, scheint aber „langsam den Bezug zur Realität zu verlieren“ und, ja auch das muss in Absatz drei dann endlich einmal gesagt werden, er neigt zu „brutalem Realismus“. Sogar eine „skrupellose Geheimpolizei“ soll es im Sozialparadies Libyen geben. Allerdings wird auch unter der Wüstensonne nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird. Zwar muss der schockierte SZ-Leser erfahren, dass die aktuellen Unruhen getragen werden von den „Angehörige der mehr als tausend Häftlinge (…), die vor 15 Jahren im berüchtigten Abu-Dschamal-Gefängnis von Tripolis massakriert wurden“, aber, so wird ihm gleich darauf erklärt, diese Leute werden entschädigt und der „Vorfall“ wäre ohnehin nie aufgeklärt worden. Abgesehen davon, dass besagtes Massaker im Abu Salim Gefängnis stattfand, muss man anhand solcher Ausrutscher betrübt feststellen, wie wenig sich bei der obersten Prämisse der deutschen Nahostberichterstattung, dem heiligen Doppelstandard, getan hat. Wo ein Massenmord in einem arabischen Folterknast immer noch nur ein „Vorfall“ ist, da wird der Bau eines Hauses in Ostjerusalem noch lange ein „Verbrechen gegen die Menschenrechte“ bleiben.

 

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