Mit einem Kommilitonen hatte ich einen fruchtbaren Wettbewerb. Abends vor der Klausur belauerten wir uns in der Kneipe, der Disco oder bei einem von uns zu hause, um hinterher festzustellen, wer die am nächsten morgen mit weniger Aufwand bestehen würde. Nur einmal, in Wirtschaftspolitik bat ich um Suspendierung. Statt der guten zwei, die bei Erich Hoppmann immer mit einem argumentativ durchdachten Aufsatz zu kriegen war, wollte ich die fehlende Punktzahl zur eins mit Faktenwissen ausgleichen. Vergleich der Wirtschaftssysteme hieß die Vorlesungsreihe, dran war die Zentralverwaltungswirtschaft sowjetischen Typs am Beispiel der DDR. Unter der Klausur stand niederschmetternd: “Das zweifellos vorhandene Faktenwissen wurde leider nicht im argumentativen Zusammenhang präsentiert. 4,4 . Durchgefallen. Das war eine traurige Ausnahme. Nur einmal später in Passau sollte ich noch einen Professor erleben, dem es darauf ankam, dass man verstanden hatte und nicht wiederkäute.

Charlotte Haunhorst beschreibt eindrucksvoll, dass es nicht anders geworden ist an deutschen Universitäten. Als ich nach einem Praxis-Schock von 1o Monaten in der Presse-Abteilung eines Industrieunternehmens an die Uni zurück kehrte, wuchs der Frust. Soviel Praxiserfahrung war bei den BWL-Profs an beiden Unis, die ich besuchte, offensichtlich nicht vorhanden.

Der Studentin geht es wie mir nach rund dreißigjähriger Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem. Zunächst als Schüler und Student, heute als Vater und lebenslanger Elternvertreter. Sie provoziert ihren ehemaligen Lehrer, der so gut war wie der Hayek- und Eucken-Nachfolger Hoppmann und dem es in Geschichte nicht nur um Jahreszahlen sondern um Zusammenhänge ging. Der antwortet seiner früheren Schülerin und beschreibt das Bildungssystem, wie es ist.

Hier ein paar Kostproben.

Charlotte:

Für die kommenden Schülergenerationen muss ich Ihnen allerdings einen Rat geben: Nehmen Sie Abstand von Ihrem Bildungsideal. Lehren Sie nur das Vorgeschriebene und schwören Sie die Kinder möglichst früh darauf ein, nichts mehr zu hinterfragen. Das ist sowieso eher lästig und obendrauf noch anstrengend. Wenn Sie trotz alledem noch Theater spielen wollen, dann lassen Sie die Schüler zumindest das komplette Drama auswendig lernen. Notfalls auch häppchenweise – in Form von Foliensätzen zum Beispiel. Das soll einen nachhaltigen Lerneffekt haben.

Die ländereigene Bildungs- und Schulpolitik ist nun mal das letzte politische Versuchsfeld, auf dem jeder und jede mal so richtig die Sau rauslassen kann, ohne dafür gleich die Quittung bei der nächsten Wahl zu bekommen. Das schafft Schmerzfreiheit und man findet auch immer eine Studie, die einem Recht gibt.

Lehrer Bode:

Dazu bedarf es oft nur weniger preiswerter Zutaten, um hier sein eigenes ideologisches Süppchen zu kochen. Man nehme: Elternwille und Chancengleichheit, Pisa und skandinavische Gesamtschulen, Zentralabitur und G8, Lernen ohne Noten, Binnendifferenzierung und Inklusion, Einheitsschule und Oberschule, Fördern und Fordern, Soziologengeschwafel und Finanzierungsvorbehalt, das Ganze einmal kurz aufkochen lassen, fertig ist die Schulpolitik. Freilich nur bis zur nächsten Schulreform. Das Schöne an Schule ist eben auch: Jeder kennt sich damit aus, denn jeder war mal da.

Besser hätte ich es nicht beschreiben können. Die Bildungspolitik in Deutschland, seit dem “Bologna”-Prozess ist eine einzige Sackgasse. Der Staat sollte sich endlich raushalten und den Schülern, Eltern und Lehrern das Feld überlassen. Wettbewerb, sagt F.A. von Hayek ist das beste Verfahren zur Entdeckung neuen Wissens.

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