hätte ich nie gedacht. Zugegeben, der Mann machte bei “Stuckrad-Late-Night”, das meistens nur mässig komisch ist und über die ZDF-Mediathek angeschaut werden kann, eine gute Figur, weil er Selbstironie bewies, die in der Polit-Branche eher selten anzutreffen ist. Nun hat er gefordert, die Krankenkassenbeiträge sofort zu senken, weil Überschüsse in Höhe von mindestens 6 Mrd. € anfallen könnten. Und da hat er recht.. Herr Dr. Rössler, Sie sind am Zuge. Mal wieder haben sich die Experten grandios verschätzt. Um mindestens 16,6 Mrd. €.

Im Dezember 2009 erwartete man für das folgende Jahr 2010 ein Minus von 3,9 Mrd. €. Am Ende war es ein Plus von 2,7 Mrd. €. Macht in der Summe 6,6 Mrd. € Differenz, die real sind und nicht mehr reversibel.

Für 2011 rechnete die oberste Funktionärin der Krankenkassen mit einem Defizit von 11 Mrd. €. Das hat sich derweil in ein Plus von 3 Mrd. € verwandelt. Macht zusammen eine Differenz von 14 Mrd. €, um die zwei Schätzungen, zwischen denen kein halbes Jahr liegt, auseinander liegen.

Fasst man die beiden Jahre zusammen, ergibt sich der satte Betrag von 20,6 Mrd. €, um den Schätzungen und Realeinnahmen auseinander klaffen. Zieht man das 4 Mrd. € teure Sparpaket der Regierung für 2010 ab, was man um systematisch zu bleiben nicht müsste, wären es immer noch 16,6 Mrd. € Differenz.

Das ist keine Unschärferelation mehr sondern eine Schwankungsbreite von fast 10% des Gesamtbudgets der gesetzlichen Krankenkasse, das knapp über 170 Mrd. € liegt. Die Instrumente, die bisher zur “Schätzung” der Einnahmen und Ausgaben des insgesamt 250 Mrd. € großen Gesundheitsmolochs verwendet werden, taugen nicht zur Vorhersage des Gesamtsystems.

Tatsächlich kann diese Zentralverwaltungswirtschaft, die den selben Umsatz wie die DDR macht (nur nicht in Mark der DDR sondern Euro) also komplett unvorhersehbar und nicht zu lenken. Die Gründe sind die selben, die zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden führte. Der Mangel an Entscheidungsfreiheit des Einzelnen und die Anmaßung von Wissen bei den Politikern und die schnöde Taktik der “Leistungserbringer” und der gesetzlichen Krankenkassen und wohl auch der Pharmaindustrie, ihre Einnahmen mit dem Ausmalen immer neuer Horrorgemälde ständig zu erweitern.

Auch der Gesundheitsminister stimmt in den Chor ein. Der Augenarzt redet vom ständig steigenden Fortschritt, der die Kosten in die Höhe treibt. Doch auch das ist ein fataler Irrtum. Überall sonst in der Wirtschaft führt der technische Fortschritt zu Kostensenkungen, weil neue Maschinen und Verfahren viel produktiver und preiswerter sind, als alte. Sonst würden sie gar nicht eingeführt. Die Realwirtschaft wird durch den Wettbewerb dazu gezwungen, immer besser und immer preiswerter zu werden, weil das jeweilige Unternehmen sonst pleite geht.

Dem praktischen Arzt, dem Krankenhaus und auch der Krankenkasse fehlt dieser Druck. Und so führen “Minimal-inversive” Operationsmethoden, die weniger Wunden erzeugen und damit auch den Pflegeaufwand reduzieren, nicht zu einer preiswerteren Gesundheitsvorsorge. Die Tatsache, dass viele Krankheiten heute auch mit Medikamenten und anderen Methoden geheilt werden können, statt durch notwendigerweise viel teurere Operationen, führt nicht zu Kosteneinsparungen. Auch dass durch CT und vergleichbare Diagnosegeräte und verbesserte Meß- und Analyseverfahren Kosten reduziert werden, lässt sich im Gesamtsystem nicht kaschieren.

Tatsächlich muss unser System wohl eher noch effizienter sein als etwa die in Skandinavien, weil bei uns besonders viele Arztbesuche keiner messbar besseren Qualität einhergehen.

Es hilft mal wieder ein Blick über den Teich nach Großbritannien, wo die vielen harten Schnitte das Land binnen Kürze wieder auf Wachstumskurs bringen werden. Dort hat man zwar die Steuerfinanzierung der Einnahmenseite des National Health Service unberührt gelassen. aber alle planwirtschaftlichen Vorgaben im System der “Leistungserbringer” gestrichen. Jeder kann zu dem Arzt gehen, den er möchte, private Krankenhäuser können mit öffentlichen konkurrieren und die Vorschriften sind auf ein Minimum reduziert. Auf Kosten einer aufwendigen Bürokratie mit ein paar 10.000 Arbeitsplätzen, die versuchten, den Mangel zu verwalten.

Das Grundproblem in der Planwirtschaft, liegt darin, dass sie an der Krankheit verdient und nicht an der Gesundheit. Dass die Patienten Umsatzträger sind aber keine Kunden, nach deren Wohl man sich richtet. Und dass die Bürger keine Chance haben, zu kontrollieren, welche Kosten durch ihren Arztbesuch und ihre Krankheit verursacht sind.

Deshalb hat Karl Lauterbach Recht: Geld das nicht im System ist, kann nicht verschwendet werden.

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