In Politik und Medien gibt es nach meiner Überzeugung heute keineswegs mehr, sondern eher weniger Zivilcourage und wirklich unabhängiges Denken als in der Weimarer Republik oder in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Weh uns, wenn sich die Verhältnisse, in denen wir uns so behaglich und selbstgerecht aufgehoben fühlen, einmal zu unseren Ungunsten ändern sollten. Wir werden uns dann wundern über den überbordenden Opportunismus und die kriecherische Feigheit rings um uns.

Thilo Sarrazin in der FAZ vom 23. Dezember. Sein Artikel, der sich mit der Rezeptionsgeschichte seines Buches “Deutschland schafft sich ab, ist nur für Abonnenten im Netz zugänglich. Dem ist zwar eigentlich nichts hinzuzufügen, trotzdem einige Bemerkungen und Beobachtungen.

Weil der Nachbar, ein pensionierter Bundesrichter, es aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht zu seinem Sohn geschafft hatte (seine Frau ist leider seit ein paar Jahren tot), luden wir ihn gestern zum Essen ein. Wie immer entspannte sich sofort eine Diskussion auf hohem intellektuellen Niveau. Ich äußerte meine bis dato selten empfundene Bewunderung für Naturwissenschaftler, die ich auf der Klima-Konferenz von EIKE und dem Berlin Manhattan Institut empfunden hatte. Der Mann war hoch aufgeschlossen für die Hypothese, dass der Klimawandel wohl doch eher mit der Sonnaktivität zu erklären sei und nicht notwendigerweise an mit dem “menschgemachten CO²”.

Schon im September hatte ein anderer Nachbar, der als Beamter in einem Ministerium tätig ist, mit einem lupenreinen Bekenntnis zur Österreichischen Schule als Erklärung für die Finanzmarktkrise überrascht.

Beim alljährlichen Adventssingen bei Freunden, wo wir immer wieder mit den bildungsbürgerlichen Illusionisten konfrontiert werden, diskutierten der Gastgeber, ein Professor für Biochemie und ich mit Freunden, die in der Filmbranche sind, über Klimawandel und Solaranlagen. Dort ist der Ökologismus längst zum Selbstzweck geworden, dessen Sinnhaftigkeit nicht länger in Frage gestellt wird.

In einer Radio-Diskussion, die ich vor einiger Zeit während der Autofahrt nur kurz verfolgen konnte, beschäftigten sich ein paar Berufsimmigranten, Soziologen und Journalisten mit den Folgen der Affäre Sarrazin. Dabei setzte man sich mit keinem Wort mit seinen Hypothesen auseinander sondern war sich einig, dass nur die gesellschaftlichen Folgen dieses verwerflichen Pamphlets zu bedenken seien.

Ein Kunde sagte neulich während eines Mittagessens, er sei ja für das Kirchhoffsche Steuermodell, aber man habe ja sehen können: Es habe kein halbes Jahr gebraucht, bis der Mann zerlegt war.

Die Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung wächst schnell und ist größer als die vermeintliche zwischen Arm und Reich je sein könnte. In den Medien gibt es mehr heilige Kühe als Ställe und die Qualität der Diskussion ist deshalb erschreckend, weil Scheinargumente erfunden und Kampagnen ausgerollt werden, die mit “Sachzwängen” begründet werden, die an der Realität scheitern.

Diese Beschreibung scheint mir auch das Scheitern der FDP zu erklären. Als man ihr das Finanzressort anbot, rieten die Altvorderen vom Bonner Rheinufer ab: Damit mache man sich nur unbeliebt – und irrten. Westerwelle und die Seinen bekamen es mit der Zivilcourage und hatten schon verloren. Die Steuerreform als Wahlkampfhit aber nicht als substantielles Projekt war gescheitert. Wie beim Projekt Achtzehn war die Strategie zur Taktik verkommen und die Verpackung wog als Muster ohne Wert mehr als der Inhalt, von dem man sich alsbald verabschiedete. Aber das nur am Rande.

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