Wann immer ein Missstand konstatiert wird, ist der Ruf nach mehr Zentralismus zu vernehmen. Die deutsche Bildungsmisere – schuld ist die Kleinstaaterei. Die Euro-Schuldenkrise – wir brauchen eine europäische Wirtschaftsregierung und eine einheitliche Fiskalpolitik. Selbst die Informationstechnik der öffentlichen Verwaltung soll in Europa vereinheitlicht werden und die EU-Dienstleistungsrichtlinie stellt sicher, dass der Frisör aus Portugal einen einheitlichen Ansprechpartner hat, wenn er seine Gewerbeanmeldung in Wanne-Eickel abgeben will. Auch die Einheitsschule, in der alle den gleichen Bildungsbrei vorgesetzt werden bekommen sollen, steht als Lösung der Pisa-Misere in jeder Journalistenrunde hoch im Kurs. Vereinheitlichung und Gleichmacherei sind sozialistische Tugenden, die dem Menschen nach der Freiheit trachten. Subsidarität und Föderalismus sind das Salz in der Suppe des Wettbewerbs, dessen Vielfalt die Entdeckung neuen Wissens fördert und die Freiheit des Einzelnen erst ermöglicht.

Dabei gibt es zunächst keinen empirischen Beleg, dass zentrale Strukturen und einheitliche operative Regeln irgend etwas verbessern im Gegenteil. In der Schweiz hat das Volk gerade ein solches einheitliches Steuerrecht abgelehnt und jeder Kanton beschließt über die Höhe der Einkommenssteuer und sonstiger Abgaben selbst. Dabei ist nicht bekannt, dass es die Notwendigkeit gäbe, dass der Kanton Zug, bei dem die Steuern besonders niedrig ist von den anderen Kantonen durch Zuweisungen gerettet werden müsste, um die Spekulation gegen den Franken zu unterbinden (siehe Irland/Griechenland). Die Kantone machen nämlich ganz einfach weniger Schulden und geraten deshalb nicht in eine Zwangslage. Und das liegt an ihrer geringen Größe und der direkten Demokratie.

Betrachtet man die deutsche Bildungslandschaft differenziert, so haben Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg beim OECD-Pisa-Test immer besser abgeschnitten als der Rest Deutschlands und darüber hinaus sich im internationalen Vergleich beachtlich geschlagen. Das sind aber keine Länder, die sich durch besondere Gleichmacherei hervor getan hätten, sondern durch Differenzierung. Gymnasium, Real- und Hauptschule stehen dort nicht zur Disposition. Und Baden-Württemberg schneidet besonders gut ab, weil das System obendrein noch durchlässiger ist und begabten Haupt- den Sprung auf die Realschule und Realschülern die Fortsetzung der Karriere auf dem Gymnasium ermöglicht.

Betrachtet man dagegen den “Bologna”-Prozess, bei dem das Bildungsniveau der europäischen Universitäten zwangsweise auf dem Durchschnitt nivelliert werden sollte, so wird deutlich, dass dieser Versuch gründlich in die Hose ging.

Die Universität wurde verschult, an die Stelle des selbstständigen Erarbeitens wissenschaftlicher Grundlagen trat das besinnungslose Pauken. Zugegeben, seit man die Hochschule zum Massenbetrieb gemacht hat, war diese Tendenz immer schon zu erkennen. Aber wenn man die hervorragende deutsche Ingenieursausbildung an den Durchschnitt Europas anpasst und aus dem Diplom- einen Bachelor macht, dann nimmt man sich einen der wenigen verbliebenen Wettbewerbsvorteile.

Subsidarität ist ein Grundrecht, nach dem freiheitliche Rechtsstaaten konstruiert sein müssen. Die kleinste mögliche politische Einheit entscheidet über alle Regeln, die die Gemeinschaft betreffen. Kommt man wie in Marburg auf die Idee, festzuschreiben, dass jeder Neubau einen Solaranlage auf dem Dach haben muss, kann man sich für einen Bau in der Nachbargemeinde entscheiden. Kommt die Europäische Union auf denselben Gedanken, bleibt nur noch die Immigration.

Hinzu kommt, dass Zentralismus Wissen reduziert und Fehler multipliziert. Derselbe Fehler entfaltet wird mit der Anzahl der Momente multipliziert, bei denen er zur Wirkung kommt. Das ist in der Gemeinde zwangsläufig weniger der Fall als im Landkreis, im Landkreis weniger der Fall als im Bundesland, im Land weniger als im Bund und im Bund weniger als in der EU.

Wie fatal eine solche exponentielle Entwicklung ist,  wird deutlich, wenn man sich die überfallartige Einrichtung der Sozialreformen 2004 (Hart I-IV) vor Augen führt. Die bis heute in Betrieb befindliche Software der Bundesanstalt für Arbeit verursacht Milliardenkosten, weil sie einfach nicht funktioniert. Das lässt sich von der Konkurrenz nicht sagen, die in 35 Optionskommunen bestens funktioniert.

Auch in der Wirtschaft lässt sich die These der Wirksamkeit von großen Einheiten nicht wirklich belegen. Die Autofusionen von Daimler-Benz und Chrysler und auch BMW und Rover sind genial gescheitert. Deutschland mit seiner mittelständisch geprägten, dezentralen Wirtschaftsstruktur ist viel innovativer und leistungsfähiger als etwa der schwerfällige französische Industriekomplex,  in dem seit der “planification” von Industriepolitik und “nationalen Champions” geträumt wird, die nur durch Protektionismus im Wettbewerb bestehen können.

Selbst in der Betriebswirtschaftslehre hat sich seit mehr als 20 Jahre die Erkenntnis durchgesetzt, in Konzernen die Struktur mittelständischer Unternehmen nachzuahmen. Der Konzern und seine arbeitsteiligen Leistungen werden in Profit Center zerlegt, in denen selbstständig entschieden werden kann und so Wettbewerb im eigenen Unternehmen entsteht. So lässt sich das konkrete Wissen (F.A.v. Hayek), das eben nicht aggregierbar ist, optimal nutzen.

Das heißt nicht, dass einheitliche Standards oder klare negative Regeln möglichst weltweit einen Sinn machen. Wenn man sein Netzteil in jedem Staat Europas in die gleiche Steckdose stecken kann, hat das seinen Vorteil. Auch im Straßenverkehr muss man sich grundsätzlich darauf einigen, ob ein Rechts- oder Linksfahrgebot gilt. Aber daraus ergibt sich zwingend kein Tempolimit, dass allen vorschreibt, dass sie gleich schnell fahren müssen. Das sieht man an Deutschlands Autobahnen, die die sichersten Strassen überhaupt sind und auch ein Schlüssel für den Erfolg der deutschen Automobil-Industrie, die Autos baut, mit denen man schnell und langsam gleich gut fahren kann.

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